Ärzte Zeitung, 26.01.2007

HINTERGRUND

Schwanger nach Transplantation des Uterus? - "Für die Frau wäre das alles eine ziemliche Tortur"

Von Nicola Siegmund-Schultze

Schwanger mit Hilfe eines Spender-Uterus? Derzeit nur eine Vision. Foto: PhotoDisc

Fast alle inneren Organe lassen sich erfolgreich verpflanzen: Lebern, Nieren, Herzen, Lungen, Bauchspeicheldrüsen, Darm. Geschlechtsorgane waren bislang fast ausgenommen. Es hat nur vereinzelt Versuche gegeben mit Transplantationen von Hodengewebe und kryokonservierten Eierstöcken. Auch eine Gebärmutter ist schon verpflanzt worden. So hat im Jahr 2000 eine Frau in Saudi-Arabien den Uterus einer Lebendspenderin erhalten. Das Organ musste aber nach 99 Tagen wegen eines Thrombus wieder entfernt werden.

Jetzt will ein Ärzteteam um den Onkologen Professor Guiseppe Del Priore vom New York Down Town Hospital - wie gemeldet - einen neuen Anlauf machen: Er bereitet Uterus-Transplantationen vor. "Wenn morgen eine Frau zu mir käme, die in einer Gebärmuttertransplantation die einzige Möglichkeit sähe, sich den Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen, könnte ich mir vorstellen, ihr einen fremden Uterus einzupflanzen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir damit auch Erfolg hätten", wird Del Priore im "New Scientist" (2577, 2006, 12) zitiert.

"Die Anfragen von Frauen werden kommen"

Die Ankündigung des US-Arztes hat auch in Deutschland die Diskussion darüber entfacht, ob die Zeit dafür reif ist. "Die Idee ist grundsätzlich gut. Die Frage ist, ob sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt umgesetzt werden sollte", sagt der Gynäkologe Dr. Christian Albring aus Hannover, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte in Deutschland. "Auf jeden Fall ist die Zeit reif, jetzt darüber zu diskutieren", so Albring zur "Ärzte Zeitung". "Denn die Anfragen von Frauen werden kommen."

Nach einer solchen Transplantation folgt eine Zeit der Stabilisierung von etwa drei Monaten. Die Patientin erhält eine nach Transplantationen übliche Immunsuppression. Wird das Organ nicht abgestoßen und treten keine anderen Komplikationen auf, übertragen die Ärzte mehrere, bei In-vitro-Fertilisation (IvF) entstandene Embryonen. Die Geburt soll nach Del Priores Vorstellung per Sectio erfolgen.

"Von der Technik her wäre ein solches Vorgehen wahrscheinlich gar nicht so schwer zu bewältigen. Trotzdem lässt sich die Erfolgsaussicht schwer abschätzen", kommentiert Albring den Plan der US-Ärzte. "Das fängt schon mit den Erfolgsquoten einer IvF an: Nur etwa jede dritte Frau wird überhaupt schwanger, und selbst wenn die Schwangerschaft eintritt: Man wird mit einer erhöhten Komplikationsrate rechnen müssen."

Ähnlich sieht es Professor Uwe Heemann vom Klinikum rechts der Isar in München. "Grundsätzlich können Frauen auch unter einer Immunsuppression Kinder bekommen", so der erste Vorsitzende der Deutschen Transplantationsgesellschaft. "Wir stellen Frauen, die Proliferationshemmer wie Rapamycin oder Mycophenolatmofetil erhalten, bei einer Schwangerschaft möglichst auf Calcineurin-Hemmer wie Ciclosporin oder Tacrolimus um. Dennoch ist das Risiko für Frühgeburten erhöht. Woran das genau liegt, wissen wir nicht." Heemann gibt zu bedenken, dass die bei Schwangeren verstärkte Hormonproduktion das Abstoßungsrisiko erhöhen könnte.

Heemann bezweifelt daher, ob eine Uterus-Verpflanzung sinnvoll ist. Er verweist auf Alternativen, mit Kindern zu leben, etwa die Adoption. Auch Albring sagt: "Für die Frauen wäre das alles eine ziemliche Tortur: zuerst die Hormonbehandlung mit Eizellentnahme, dann die Uterus-Transplantation, dann die künstliche Befruchtung und dann das Risiko und die Angst, die fremde Gebärmutter könnte während der Schwangerschaft abgestoßen werden."

Gerade kranke Frauen wünschen sich sehnlichst ein Kind

Albring und Heemann haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass oft Frauen mit schweren Grunderkrankungen und hohen Schwangerschaftsrisiken sich nichts sehnlicher wünschen als ein eigenes Kind. "Zu uns kommen Frauen mit eingeschränkter Nierenfunktion und schlechten Kreatininwerten, und sie bitten dringend um eine Hormonbehandlung, um schwanger zu werden", berichtet der Nephrologe Heemann. "Wir raten ihnen im Allgemeinen ab, machen aber immer wieder die Erfahrung, dass sie mit ihrem Wunsch zu Kollegen gehen und schwanger werden."

Bedarf für Uterus-Verpflanzungen gäbe es auch in Deutschland, meint Albring. Infrage kämen Frauen mit funktionsfähigen Eierstöcken, denen die Gebärmutter wegen unstillbarer Blutungen - etwa nach einer Geburt - oder wegen Tumoren entfernt werden musste. Eine Klinik, die das wagen wollte, müsste die Zustimmung einer Ethikkommission einholen. Und wenn der Spender-Uterus postmortal entnommen werden sollte, müsste die Bundesärztekammer ihr Plazet geben. Denn die Zuteilung einer Gebärmutter über die für postmortale Organe zuständige Vermittlungszentrale Eurotransplant in Leiden ist noch nicht vorgesehen.

So sieht der Transplantationsplan aus

Der Onkologe Professor Guiseppe Del Priore stellt sich die Uterus-Verpflanzung so vor: Der Organempfängerin werden nach einer Hormonstimulation befruchtungsfähige Eizellen entnommen und für eine In-vitro-Fertilisation aufbewahrt. Den Uterus will er einer hirntoten Frau im gebärfähigen Alter entnehmen. Del Priore hat solche Uterusexplantationen bereits an neun hirntoten Frauen erprobt. Bei acht von ihnen verlief die Gebärmutterentnahme problemlos. Das Gewebe wies bei Aufbewahrung unter üblichen Konservierungsbedingungen keine Zeichen des Zelluntergangs auf. Nach der Schwangerschaft soll der Uterus wieder entfernt. (nsi)

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