Ärzte Zeitung, 09.10.2007

HINTERGRUND

Ein Test auf das Geschlecht des Nachwuchses schon in der achten Schwangerschaftswoche ist umstritten

Von Nicola Siegmund-Schultze

Viele Frauen und Paare, die ein Kind erwarten, möchten dessen Geschlecht schon früh erfahren. Um die 19. Schwangerschaftswoche können die männlichen Geschlechtsteile per Sonografie sichtbar werden. Bereits ab der 8. Woche ermittelt der "Gender-Test" des Unternehmens PlasmaGen aus Köln das Geschlecht. Die Zuverlässigkeit betrage 99 Prozent, teilt das Unternehmen mit. Zwei Milliliter Blut, das der Gynäkologe der Mutter abnimmt, reichen aus. Der rezeptfreie Test kostet 149 Euro.

Seit Dezember 2006 bietet das Unternehmen den Test in Deutschland an und greift damit einen internationalen Trend auf. Denn solche Life-Style-Gentests sind längst über das Internet erhältlich. Auf der Homepage www.dna-worldwide.com etwa kann sich jeder einen Kit für die Blutprobe nach Hause bestellen: Nach einem Stich in die Fingerbeere drückt die Schwangere etwas Blut auf einen Zellulosestreifen und schickt ihn ans Unternehmen zurück. Das Ergebnis erhält sie ein bis zwei Wochen später. Nur China und Indien werden nicht beliefert. Von diesen Ländern ist bekannt, dass Mädchen häufig abgetrieben werden.

Test beruht auf Nachweis der DNA des Y-Chromosoms

Das Prinzip des Gender-Tests ist vor zwei Jahren von Forschern aus Mailand entdeckt worden. Die Wissenschaftler hatten nachgewiesen, dass DNA vom Fetus wenige Wochen nach der Empfängnis im Blut der Schwangeren auftaucht. Ist die DNA spezifisch für das Y-Chromosom, ist die Frau mit wenigstens einem Jungen schwanger. Findet sich keine Y-spezifische DNA, muss es sich um ein oder mehrere Mädchen handeln.

"Mit diesem zum Patent angemeldeten molekulargenetischen Test können Frauenärzte nicht nur ihr Servicespektrum erweitern, sondern auch Überträgerinnen von X-chromosomalen Erkrankungen bei weiblichen Föten die Amniozentese oder Chorionzottenbiospie ersparen", informierte PasmaGen im März dieses Jahres die Medien. Der Test sei in Deutschland nur über Gynäkologen erhältlich. Sie sollten "aus Respekt vor dem ungeborenen Leben" frühestens nach der 12. Schwangerschaftswoche das Testergebnis mitteilen, heißt es weiter. Bis zu diesem Zeitraum bleibt ein Schwangerschaftsabbruch straffrei.

In Deutschland aber regt sich Widerstand gegen den frühen Test auf "Hellblau oder Rosa", weil die Geschlechterauswahl damit leichter wird. "Wer kontrolliert, ob das Testergebnis wirklich erst nach der 12. Woche mitgeteilt wird?", fragt Dr. Claudia Schumann von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Die Botschaft an die Paare sei: Lassen wir mal die Kinder möglichst früh testen, es ist ungefährlich und kostet nicht viel. Wenn wir das Ergebnis haben, sehen wir weiter.

Das Argument, mit dem Test einen frühen Hinweis auf erbliche Krankheiten zu bekommen, hält die Frauenärztin aus Northeim für "doppelbödig". X-chromosomal übertragbare Krankheiten sind etwa Muskeldystrophie Duchenne oder bestimmte Formen der Hämophilie. Bei erhöhtem Risiko für Chromosomenstörungen oder Gendefekten könne der Arzt ab der 12. Schwangerschaftswoche die genetische Untersuchung des Fruchtwassers veranlassen. Eine solche Untersuchung erfolge aber, anders als der "Gender-Test", nach einer Beratung über genetische Risiken und mögliche Folgen eines positiven Testergebnisses, sagt Schumann.

Auch wenn PlasmaGen die Frauen unterschreiben lässt, dass die Kenntnis des Geschlechts keinen Einfluss auf die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch hat: Für die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik (GfH) steht die Gefahr des Missbrauchs im Vordergrund. So forderte der GfH-Vorsitzende Professor Peter Propping, solche Tests gesetzlich zu verbieten. Auch der Deutsche Ärztetag lehnte im Mai diesen Jahres "neue Labortests zur Geschlechtsbestimmung ohne medizinische Notwendigkeit vor Ablauf der Frist eines straffreien Schwangerschaftsabbruchs ab".

PlasmaGen sieht zumindest "jegliches Missbrauchspotenzial weit möglichst ausgeschlossen", so Vorstandsmitglied Daniel Inderbiethen. Anders als in China oder Indien, wohin man keine Tests liefere, gebe es in Deutschland kein Potenzial zur Geschlechterwahl. Mit dieser Aussage beruft sich das Unternehmen auf eine Studie des Bioethikers Edgar Dahl von der Universität Giessen, in der 1094 Männer und Frauen zwischen 18 und 45 Jahren befragt wurden, ob sie beim Nachwuchs ein Geschlecht bevorzugen. Ein Drittel der Befragten gab an, sie hätten gern gleich viele Jungen und Mädchen, 58 Prozent antworteten, ihnen sei das Geschlecht der Kinder egal.

Männlicher Nachwuchs wird nicht nur in China präferiert

Damit ist allerdings die Frage nicht beantwortet, ob eine Familie in einer bestimmten Situation, zum Beispiel bei mehreren Kindern desselben Geschlechts, nicht doch eine Wahl treffen würde. Auch Arif Ünal, Leiter des Gesundheitszentrums für Migrantinnen und Migranten in Köln, teilt die Unbedenklichkeit, mit der PlasmaGen die Tests anbietet, nicht.

Es gebe nicht nur in Indien oder China Präferenzen für männliche Stammhalter, sondern auch in anderen Regionen mit ausgeprägt patriarchalischen Strukturen wie dem Osten der Türkei, Pakistan, Thailand oder vielen afrikanischen Ländern. Bisher seien die Tests kaum bekannt. Aber wenn sich das ändern sollte, sieht Ünal ein Potenzial, dass nach Geschlecht selektiert wird, vor allem, wenn eine Familie schon mehrere Mädchen hat.

FAZIT

Schwangerschaftsabbrüche sind bis zur zwölften Woche straffrei. Erfahren die werdenden Eltern innerhalb dieser Zeit, welches Geschlecht der Nachwuchs hat, kann das verlockend sein. Denn Menschen aus patriarchalisch geprägten Ländern bevorzugen oft männlichen Nachwuchs. Auch besteht die Möglichkeit, bei mehreren Kindern die Geschlechter zu mischen. Solche Tests erfordern daher von allen Beteiligten ein hohes Maß an Verantwortung, am meisten vom Gynäkologen - er muss Missbrauch ausschließen. (hub)

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