Ärzte Zeitung, 22.08.2016

Sexualität

Ist der weibliche Orgasmus überflüssig?

Bei Männern geht der Orgasmus mit der Ejakulation von Samen einher, der Höhepunkt erscheint hier biologisch sinnvoll. Doch bei Frauen erfolgt der Eisprung völlig unabhängig vom Erreichen des Höhepunkts. Wozu also die weibliche Erregung?

Von Robert Bublak

Ist der weibliche Orgasmus überflüssig?

© fotolia.com

CINCINNATI/OHIO. Dass eine Studie zum weiblichen Orgasmus in einer Fachzeitschrift für experimentelle Zoologie erscheint, mag wunderlich genug anmuten. Nicht weniger merkwürdig ist die Fragestellung: Warum haben Frauen überhaupt einen Orgasmus?

Kein Beitrag zur Reproduktion

Der Orgasmus von Frauen leistet keinen Beitrag zur Reproduktion, schließlich findet der Eisprung unabhängig davon statt. Frauen können sich somit auch ohne Orgasmus fortpflanzen. Für Männer ist das schwieriger, denn die Weitergabe von Samen ist an die Ejakulation und diese im Normalfall an den Orgasmus geknüpft.

Weitere Rätsel kommen hinzu. Statistisch betrachtet bekommen Frauen bei der Masturbation und beim homosexuellen Verkehr häufiger einen Orgasmus als beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr - besonders, wenn bei Letzterem die Klitoris nicht zusätzlich stimuliert wird. Es gibt auch keinen Zusammenhang zwischen den Orgasmen und der Zahl der Nachkommen.

Nützliche Nebeneffekte

Der Zweck des weiblichen Höhepunkts wird üblicherweise mit nützlichen Nebeneffekten erklärt, die etwa die Wahl eines Partners und die Bindung an ihn erleichtern. Ein anderes Erklärungsmuster zielt auf die gemeinsame Basis in der Organentwicklung von Penis und Klitoris. So betrachtet wäre der weibliche Orgasmus eine Art Glückslos, gezogen aus der Notwendigkeit, dass Männer für ihre Fortpflanzung einen Orgasmus benötigen.

Für Mihaela Pavlicev von der University of Cincinnati und Günter Wagner von der Yale University in New Haven greifen diese Erklärungen zu kurz, weil sie zwar die Funktion des weiblichen Orgasmus, nicht aber ihren Ursprung erklären.

Pavlicev und Wagner halten den weiblichen Orgasmus beim Menschen für eine Art Atavismus, ein evolutionsbiologisches Homolog, das sich aus einer Entwicklungsphase herleitet, als der männliche Partner den weiblichen Orgasmus und dieser den Eisprung triggerte - eine Konstellation, wie sie beispielsweise bei Katzen, Mardern und Bären immer noch Usus ist.

Nach Umstellung von der Reflex- auf eine spontane zyklische Ovulation blieb die Orgasmusfähigkeit erhalten und stand ab da für die Modellierung diverser Sekundärnutzen zur Verfügung.

Einen Beleg für ihre These sehen die beiden Forscher in der weiblichen Genitalanatomie. Bei Tieren, die für den Eisprung einen Orgasmus benötigen, liegt die Klitoris mehr oder weniger im Kopulationskanal.

Wo der Orgasmus keine reproduktive Funktion erfüllt, muss die Klitoris nicht stimuliert werden. Sie muss daher nicht mehr im Kopulationskanal liegen - und sie tut dies bei den Primaten auch nicht.

Bliebe noch zu klären, weshalb der Orgasmus eigentlich Spaß macht - eine Frage, die sich Pavlicev und Wagner nicht vorlegen. Eine naheliegende Antwort wäre, dass man Dinge, die Freude bereiten, häufig und gerne wieder tut. So hätte die weibliche Fähigkeit zum Orgasmus also durchaus eine reproduktive Funktion. Denn praktizierter Sex erhöht die Chance auf Fortpflanzung erheblich. (rb)

Topics
Schlagworte
Gynäkologie (5491)
Personen
Robert Bublak (351)
[23.08.2016, 10:36:15]
Thomas Georg Schätzler 
Publikation eher LK-Biologie-Besinnungsaufsatz?

ÄZ-Autor Robert Bublack hat den komplizierten Sachverhalt umfassend dargestellt. Der Abstract zur Veröffentlichung "Perspective and Hypothesis - The Evolutionary Origin of Female Orgasm", von MIHAELA PAVLICEV1 and GÜNTER WAGNER, liest sich allerdings eher perspektivisch-hypothetisch wie ein Besinnungsaufsatz im Leistungskurs Biologie.
http://onlinelibrary.wiley.com/wol1/doi/10.1002/jez.b.22690/abstract

Hier zunächst die vollständige Übersetzung des Abstracts (Copyright d. d. Verfasser):
Der evolutionären Erklärung des weiblichen Orgasmus ist schwierig beizukommen, Der Orgasmus der Frauen dient offensichtlich nicht dem reproduktiven Erfolg und überraschenderweise begleitet er den heterosexuellen Geschlechtsverkehr unzuverlässig. Zwei Arten von Erklärungen wurden vorgeschlagen: Die eine besteht auf rezent übrig gebliebenen adaptiven Regeln in der Reproduktion; die andere erklärt den weiblichen Orgasmus als ein Nebenprodukt der Selektion zum männlichen Orgasmus, welcher für den Sperma-Transfer entscheidend notwendig ist. Wir betonen nachdrücklich, dass diese Erklärungen dazu neigen, den Fokus eher auf die Evidenz von der menschlichen Biologie her zu legen, als die Modifikation eines Wesensmerkmals, noch eher als seinen evolutionären Ursprung zu adressieren. Die Spur dieser Wesensmerkmale der Evolution zu verfolgen, benötigt Homologien anderer Spezies zu identifizieren, welche begrenzte Ähnlichkeiten mit der menschlichen Eigenschaft haben. Der weibliche menschliche Orgasmus ist mit einem schnellen endokrinen Anstieg assoziiert, ähnlich dem Kopulations-bedingten Anstieg bei Tierarten mit induzierter Ovulation. Wir schlagen vor, dass die Ähnlichkeit des menschlichen Orgasmus ein Reflex auf den entwicklungsgeschichtlich induzierten Eisprung ist. Dieser Reflex wurde mit Entwicklung des spontanen Eisprungs entbehrlich, konnte den weiblichen Orgasmus potenziell für anderes Rollenverhalten befreien. Das wird durch phylogenetisch-entwicklungsgeschichtliche Evidenz unterstützt, dass die induzierte Ovulation wesentlich älter ist, und dagegen spontane Ovulation den höher differenzierten Säugetieren zuzuordnen ist. Zusätzlich zeigt die vergleichende Anatomie des weiblichen Fortpflanzungstrakts, dass die Entwicklung des spontanen Eisprungs mit zunehmender Distanz der Klitoris vom Kopulationskanal korreliert. Zusammenfassend schlagen wir vor, dass die weibliche Orgasmus-gebundene Verhaltensweise ein Anpassungsvorgang darstellt, jedoch für eine andere Rolle, nämlich zur Induzierung der Ovulation. Mit der Entwicklung des spontanen Eisprungs wurde der weibliche Orgasmus befreit, um andere sekundäre Verhaltensbedeutungen zu gewinnen, welches sein Bestehen, aber nicht seinen Ursprung erklären könnte. (Übersetzung Ende)

"ABSTRACT - The evolutionary explanation of female orgasm has been difficult to come by. The orgasm in women does not obviously contribute to the reproductive success, and surprisingly unreliably accompanies heterosexual intercourse. Two types of explanations have been proposed: one insisting on extant adaptive roles in reproduction, another explaining female orgasm as a byproduct of selection on male orgasm, which is crucial for sperm transfer. We emphasize that these explanations tend to focus on evidence from human biology and thus address the modification of a trait rather than its evolutionary origin. To trace the trait through evolution requires identifying its homologue in other species, which may have limited similarity with the human trait. Human female orgasm is associated with an endocrine surge similar to the copulatory surges in species with induced ovulation. We suggest that the homolog of human orgasm is the reflex that, ancestrally, induced ovulation. This reflex became superfluous with the evolution of spontaneous ovulation, potentially freeing female orgasm for other roles. This is supported by phylogenetic evidence showing that induced ovulation is ancestral, while spontaneous ovulation is derived within eutherians. In addition, the comparative anatomy of female reproductive tract shows that evolution of spontaneous ovulation is correlated with increasing distance of clitoris from the copulatory canal. In summary, we suggest that the female orgasm-like trait may have been adaptive, however for a different role, namely for inducing ovulation. With the evolution of spontaneous ovulation, orgasm was freed to gain secondary roles, which may explain its maintenance, but not its origin."

Darin steckt eigentlich nicht so viel Neues, als dass man es zwingend veröffentlichen müsste. Zumal die retrograde Ejakulation mit Orgasmus, der "trockene" Orgasmus, aber auch die Pollution (spontaner nächtlicher Samenerguss ohne GV) und die Masturbation beim Mann (auch im Tierreich?) nicht erklärbar sind. Auch dass Frauen im reproduktiven Alter gerade etwa 13 Ovulationen pro Jahr haben und damit nur an circa 26 bis 39 Tagen im Jahr empfängnisbereit sind, während auch häufige männliche Samenergüsse jeweils zig Millionen befruchtungsfähige Samenfäden enthalten, bleibt von einer entwicklungsgeschichtlichen Ursprungserklärung weit entfernt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Bergen an Zee)
Quelle:
http://onlinelibrary.wiley.com/wol1/doi/10.1002/jez.b.22690/full
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