Ärzte Zeitung, 17.10.2016

Hormonelle Verhütung

Pille = höheres Risiko zur Depression?

Die Anwendung hormoneller Verhütungsmitteln ist mit einer erhöhten Rate von Depressionen assoziiert. Die höchsten Raten finden sich bei jungen Frauen im Alter unter 20 Jahre.

Von Beate Schumacher

Mit Pille mehr Depressionen

Pille und Depression: Der Zusammenhang wurde bei über einer Million Frauen abgeklärt.

© thingamajiggs / fotolia.com

KOPENHAGEN. Gibt es einen Zusammenhang zwischen hormoneller Kontrazeption und Depressionen? Um diese Frage zu klären, haben dänische Gynäkologen und Psychiater der Universität Kopenhagen zwei landesweite Register ausgewertet (JAMA Psychiatry 2016, online 28. September). Aus den Registern für Arzneiverordnungen und für Diagnosen in psychiatrischen Kliniken ließen sich Daten von über einer Million Frauen und Mädchen im Alter zwischen 15 und 34 Jahre über einen mittleren Zeitraum von sechs Jahren analysieren. Knapp 56 Prozent der Frauen hatten in dieser Zeit hormonelle Verhütungsmittel genutzt. Pro 100 Personenjahre wurde 2,2 von ihnen erstmalig ein Antidepressivum verordnet und bei 0,3 erstmals eine Depression diagnostiziert. Bei Frauen, die nie oder zumindest in den letzten sechs Monaten nicht mit Hormonpräparaten verhütet hatten, waren es 1,7 und 0,28/100 PJ.

Im Vergleich zu Frauen ohne orale Kontrazeption ergab sich bei Frauen mit kombinierten oralen Kontrazeptiva ein um 20 Prozent und mit reinen Gestagenpillen ein um 30 Prozent erhöhtes Risiko für eine Antidepressiva-Verschreibung. Die Risikosteigerung mit einem transdermalen Pflaster (Norelgestromin) betrug 100 Prozent, mit einem Vaginalring (Etonogestrel) 60 Prozent und mit einem Intrauterinpessar (Levonorgestrel) 40 Prozent. Die Exzessrisiken für eine Depressionsdiagnose lagen insgesamt etwas niedriger. Mit dem Alter sank das Risiko für Depressionen unter Hormonanwendung. Am stärksten gefährdet waren 15- bis 19-Jährige. Bei ihnen lag zum Beispiel die Rate an Erstverordnungen von Antidepressiva unter Östrogen-Gestagen-Pillen um 80 Prozent und unter reinen Gestagenpillen um 120 Prozent höher als ohne hormonelle Kontrazeption.

Die Gefahr einer Depression war bei den Frauen auch von der Dauer des Hormongebrauchs abhängig. Der Spitzenwert bei Antidepressiva-Erstverschreibungen war nach sechsmonatiger Behandlung erreicht, mit einem durchschnittlichen Risikoanstieg um 40 Prozent; nach ein bis vier Jahren betrug das Zusatzrisiko noch 20 Prozent, nach vier bis sieben Jahren noch 10 Prozent.

Noch deutlicher waren die Risikosteigerungen, wenn als Referenzgruppe Nie-Anwenderinnen gewählt wurden. Im Vergleich zu ihnen war zum Beispiel in der Gesamtgruppe mit oralen Kombipräparaten der Anteil mit erstmaliger antidepressiver Medikation um 70 Prozent erhöht, bei Jugendlichen sogar um 120 Prozent.

Eine Zunahme des Depressionsrisikos war auch dann zu erkennen, wenn zum Vergleich das Jahr vor Beginn der hormonellen Verhütung herangezogen wurde. Mit oralen Östrogen-Gestagen-Präparaten betrug der Risikoanstieg bei den 20- bis 30-Jährigen im Mittel 40 Prozent, bei den 15- bis 19-Jährigen 80 Prozent.

[20.10.2016, 20:44:47]
Thomas Georg Schätzler 
"PILLEN-BASHING"? bzw. "PUBLISH OR PERISH"?
Es ist wohl auch die "Medikalisierung des Alltags", welche bei der oralen hormonellen Kontrazeption (OC) durchschlägt. Wer die "Pille" nimmt, hat eine Viel geringere Hemmschwelle, täglich Antidepressiva einzunehmen, bzw. Ärzte und Psychotherapeuten bei leichteren Beschwerden diesbezüglich in Anspruch zu nehmen.

Die Studie ist auch keine prospektive, sonst hätten die Studien-Hypothesen schon im Jahr 2000 bzw. 1995 publiziert werden müssen. Sie ist nicht mal ansatzweise eine Follow-up Studie, sondern nur eine retrospektive ex-post Registerdaten-Analyse. Unschwer daran zu erkennen, dass die AutorInnen lapidar mitteilen "Exposures - Use of different types of hormonal contraception". Damit ist z. B. ausgeschlossen zu erfahren, welche anderen Formen der Empfängnisverhütung bzw. Enthaltsamkeiten denn vor klinisch relevanten Depressionen schützen könnten und wenn ja, warum?

Nein, "Association of Hormonal Contraception With Depression" von C. W. Skovlund et al. untersuchen nur und ausschließlich den Gebrauch von verschiedenen Arten hormoneller Kontrazeption ["Exposures Use of different types of hormonal contraception"].

Stutzig macht auch, dass der Follow-up angeblich erst im Jahr 2000 startete, die Datensammlungen aber bereits am 1.1.1995 starteten. ["All women and adolescents aged 15 to 34 years who were living in Denmark were followed up from January 1, 2000, to December 2013, if they had no prior depression diagnosis, redeemed prescription for antidepressants, other major psychiatric diagnosis, cancer, venous thrombosis, or infertility treatment. Data were collected from January 1, 1995, to December 31..."].

Und wieso weiß eigentlich der Dänische Staat offensichtlich personenbezogenen seit 1.1.1995 lückenlos über die Gepflogenheiten hormoneller Empfängnisverhütung und den Umgang mit Depressionen seiner Mitbürgerinnen Bescheid, währenddessen ebenso lückenlose Angaben zu Verhütungsgewohnheiten und Depressionsraten bei den Männern völlig zu fehlen scheinen?

Die vorliegende Studie ist gender-politisch eine Blamage, missachtet m. E. einseitig die informationelle Selbstbestimmung von Frauen und ist inhaltlich reines Kaffeesatz-Lesen, weil wieder einmal Birnen mit Äpfeln verglichen wurden.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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