Ärzte Zeitung, 23.11.2016

Depressionen

Amygdala verrät Therapieerfolg

Amygdala-Funktion und Kindheitstraumata sind bei einer Depression von zentraler Bedeutung. Wird beides zusammen eruiert, lässt sich mit über 80-prozentiger Genauigkeit vorhersagen, wer unter Antidepressiva remittiert und wer nicht.

Von Thomas Müller

Amygdala verrät Therapieerfolg

(c) Arteria Photography

STANFORD. Depressionskranke medikamentös zu behandeln ist sicher besser als gar keine Therapie, doch sehr berauschend sind Ansprech- und Remissionsraten mit den bisherigen Arzneien nicht. Psychiater und Neurowissenschaftler um Dr. Andrea Goldstein-Piekarski von der Stanford University gehen davon aus, dass nur ein Drittel der Depressiven mit dem ersten Therapieversuch in Remission gelangt. Bei manchen Patienten klappt es mit anderen Medikamenten vielleicht im zweiten Versuch, bei anderen scheinen die gängigen Antidepressiva wenig zu bewirken.

Für Ärzte wäre es wichtig, solche Patienten rechtzeitig zu erkennen und sie anders, etwa verstärkt psychotherapeutisch, zu behandeln. Auch ließen sich vielleicht leichter neue Therapien entwickeln, wenn man wüsste, weshalb bei einem erheblichen Teil der Betroffenen Antidepressiva wenig bewirken.

Zwei Erkenntnisse kombiniert

Die Forscher um Goldstein-Piekarski haben zu diesem Zweck zwei Schlüsselerkenntnisse aus der Depressionsforschung kombiniert: Auf psychischer Ebene sind frühe Stressereignisse – also zumeist Kindheitstraumata – ein wesentlicher Faktor für die Entstehung einer Depression; neurobiologisch ist vor allem die Amygdala entscheidend.

Forscher gehen heute davon aus, dass frühe Stressereignisse die Amygdala morphologisch und funktionell verändern: Beobachtet wird etwa eine Hyperaktivierung von Angstnetzwerken auf emotional negative Stimuli, aber auch eine Hypoaktivierung bei emotional positiven Reizen. Beides kann zu einer Depression beitragen.

Allerdings scheinen die Maladaptionen der Amygdala sehr vielfältig zu sein. Das Team um Goldstein-Piekarski wollte anhand von funktionellen MRT-Untersuchungen schauen, ob sich ein Muster zwischen Amygdala-Funktion, frühen Traumata und einer Remission durch Antidepressiva erkennen lässt (PNAS 2016, 113: 11955-11960).

Zu diesem Zweck zeigten sie 70 Depressiven während der fMRT eine Reihe fröhlicher, wütender oder angstverzerrter Gesichter. Alle Patienten waren entweder noch unbehandelt oder die Ärzte hatten die Medikation vor Studienbeginn ausgeschlichen. Bei allen waren zudem frühe Traumata mit einem speziellen Fragebogen erfasst worden.

Patienten mit einem oder keinem Trauma galten als gering vorbelastet, solche mit zwei bis fünf als mäßig und mit mehr als fünf Ereignissen als stark belastet. Nach den Tests bekamen die Patienten Escitalopram, Sertralin oder Venlafaxin für acht Wochen und die Forscher ermittelten die Remissionsraten.

Die Responder ließen sich auch schon ohne Traumafragebogen und Amygdala-fMRT mit einer Sensitivität von 84 Prozent und einer Spezifität von 59 Prozent sowie einem AUC-Wert von 0,71 ermitteln, sofern Alter, Schwere und Dauer der aktuellen und vorangegangenen Episoden sowie der Erfolg vorangegangener Therapieversuche berücksichtigt wurden. Diese Werte galt es nun, mit Traumafragebogen und fMRT zu toppen.

Am besten gelang dies, wenn die Forscher um Goldstein-Piekarski sowohl Traumata als auch Amygdala-Reaktion mit in die Berechnungen aufnahmen. Dann erreichten sie einen AUC-Wert von 0,92, was sich in eine Sensitivität von 89 Prozent bei einer Spezifität von 88 Prozent übersetzen ließ.

Damit gelingt die Remissionsprognose also schon recht gut. Insgesamt lasse sich mit einer Genauigkeit von mehr als 80 Prozent vorhersagen, wer auf Antidepressiva anspricht und wer nicht, schreiben die Forscher.

Komplexer Zusammenhang

Der Zusammenhang zwischen Traumata, Amygdala-Reaktion und Remission erwies sich jedoch als recht komplex. Hatten die Depressiven kaum Kindheitstraumata, dann war die Remissionsrate umso höher, je schwächer die Amygdala sowohl auf positive als auch negative Gesichtsausdrücke reagierte.

Zeigten solche Patienten hingegen eine übermäßige Amygdala-Aktivität, blieb die Remissionsrate gering. Dagegen sprachen Patienten mit vielen Traumata vor allem dann gut auf die Medikamente an, wenn sie auf positive Gesichtsausdrücke emotional stark reagierten. Zeigte die Amygdala dieser Personen hingegen kaum Reaktionen auf solche Stimuli, war auch die Prognose schlecht.

Weshalb, ist nicht einfach zu erklären. Generell lassen Kindheitstraumata die Amygdala empfindlicher auf emotionale Situationen reagieren. Die Betroffenen bekommen einen "siebten Sinn", um Situationen rasch als gefährlich oder eben nicht einzustufen – dadurch können sie erneuten traumatischen Ereignissen besser aus dem Weg gehen.

Werden sie älter, verlieren sie vielleicht selektiv die Fähigkeit, positive Situationen zu erkennen. Bleibt ihnen jedoch diese Fähigkeit, könnte dies auf einen Schutzfaktor deuten, der eine Remission erleichtert, schreiben die US-Forscher.

Bei Depressiven ohne Traumata ist die Amygdala in der Regel nicht auf Gefahren sensibilisiert, hier scheint eher das Problem zu sein, dass solche Personen kaum zu emotionalen Reaktionen fähig sind. Offenbar lässt sich diese Hypoaktivität durch Antidepressiva wieder normalisieren.

Für die Praxis sind die Erkenntnisse insofern relevant, als gute Psychiater auch ohne fMRT erkennen können, wie die Amygdala tickt. Berücksichtigen sie dies, können sie vielleicht etwas besser einschätzen, bei wem sich eine Antidepressivatherapie lohnt und bei wem nicht.

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