Ärzte Zeitung, 19.05.2015

Brustkrebs

Nach Chemo fällt das Denken schwerer

Viele Brustkrebspatientinnen, die eine Chemotherapie hinter sich gebracht haben, berichten von kognitiven Defiziten. Kanadische Wissenschaftler haben jetzt die subjektiven Beschwerden objektiv vermessen.

Von Robert Bublak

Nach Chemo fällt das Denken schwerer

Brustkrebspatientinnen berichten, dass es ihnen nach einer Chemotherapie schwerfällt, sich längerfristig auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

© JPC-PROD / fotolia.com

VANCOUVER. Zu den kognitiven Symptomen nach einer adjuvanten Chemotherapie, über die Brustkrebspatientinnen häufig klagen und die über lange Zeit anhalten können, zählen Vergesslichkeit, Probleme beim Planen und Organisieren sowie Konzentrationsstörungen.

Die Prävalenz des "Chemobrain" - so eine gängige Bezeichnung für diese belastenden Defizite - wird in der Literatur mit 17 bis 75 Prozent angegeben.

Widersprüchliche Datenlage

In Metaanalysen sind allerdings nur kleine bis mittlere Effekte der Chemotherapie zutage gefördert worden.

Die Datenlage ist insgesamt widersprüchlich, in manchen Studien sind Aufmerksamkeitsdefizite nach Chemotherapie nachweisbar, in anderen nicht.

Eine kanadische Arbeitsgruppe um Julia Kam von der University of British Columbia in Vancouver hält es für möglich, dass diese Widersprüche auf die neuropsychologische Versuchsanordnung zurückgehen.

Diese Tests erfordern typischerweise nur wenige Minuten Aufmerksamkeit. Hingegen ist es für die Bewältigung der Alltagsaufgaben entscheidend, die Konzentration über längere Spannen aufrechterhalten zu können.

Die Aufgabe dauerte eine Stunde

Kam und ihre Kollegen testeten deshalb 19 Brustkrebspatientinnen, die auch drei Jahre nach einer Chemotherapie noch von kognitiven Problemen berichteten.

Zum Vergleich wurden zwölf gesunde Kontrollpersonen auf ihre Fähigkeit untersucht, sich dauerhaft einer Aufgabe zu widmen (Clin Neurophysiol 2015; online 25. März).

Eine Stunde lang mussten die Frauen auf die Präsentation häufiger Reize hin jeweils eine Taste drücken oder den Tastendruck nach der Präsentation eines selten auftretenden Zielreizes unterlassen.

Dabei wurden sie in unregelmäßigen Abständen zu ihrem Aufmerksamkeitsniveau befragt, gleichzeitig wurde ein EEG abgeleitet. Zuvor schrieben die Forscher außerdem noch ein Ruhe-EEG der Probandinnen.

Defizite auf mehreren Ebenen

Auf mehreren Ebenen zeigte sich dabei, dass sich das Vermögen zur Daueraufmerksamkeit der Patientinnen von jenem der gesunden Frauen unterschied. Sie waren öfter abgelenkt als die Kontrollen, ihre Neigung, die Gedanken wandern zu lassen, war größer.

Die Reaktionszeiten variierten stärker, die Trefferrate war geringer. Die Amplitude des P300-Potenzials - eines Ereignis-korrelierten EEG-Potenzials, das etwa 300 ms nach Präsentation seltener Zielreize auftritt - war flacher.

Und die Potenziallatenzen nach den häufigen Reizen waren bei den Patientinnen im Vergleich zu den gesunden Frauen verlängert.

Unterschiede gab es auch im Ruhe-EEG, das bei den Patientinnen eine höhere neuronale Aktivität spiegelte.

Hyperaktiv und introspektiv

Insgesamt entsprechen die Befunde der Brustkrebspatientinnen damit einem hyperaktiven introspektiven Aufmerksamkeitsmodus, einer Neigung, den eigenen Gedanken nachzuhängen.

Das könnte erklären, weshalb es den Patientinnen so schwer fällt, sich im Alltag längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Den kanadischen Forschern wäre es damit gelungen, diese Empfindung mit einem objektiven, im Labor reproduzierbaren Maß zu versehen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Das EEG des Chemohirns

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