Ärzte Zeitung, 09.01.2004

"Sie sind anders, aber organisch fehlt nichts"

Vier bis fünf von 10 000 Menschen haben eine autistische Störung, die sich immer in den ersten drei Lebensjahren manifestiert. Jungen sind etwa dreimal häufiger betroffen. Der Psychiater Professor Fritz Poustka aus Frankfurt am Main forscht über Möglichkeiten, Autismus zu erkennen und Betroffene zu therapieren, wie er in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" berichtete.

Frage: Herr Poustka, Sie sind Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Frankfurter Goethe-Universität. Es ist oftmals schwer, Autismus im frühen Kindesalter zu erkennen. Bei welchen Anzeichen sollten Eltern einen Fachmann hinzuziehen?

Professor Fritz Poustka: Wenn die Eltern auf das Baby oder Kleinkind zugehen, strecken gesunde Kinder die Arme aus und strahlen ihnen freudig entgegen. Autistische Kinder sind dazu nicht fähig. Emotionale Zuwendung können sie nicht zeigen. Auch sogenannte "Imitationsspiele" wie "winke, winke machen" oder "bitte, bitte" sagen, die man als stolze Eltern ja sehr gerne vorführt, können diese Kinder nicht. Ein anderes Merkmal ist der fehlende personale Bezug. Erblicken gesunde Kinder etwas, wollen sie in der Regel die Aufmerksamkeit der Erwachsenen gezielt auf diese Sache lenken. Zupfen am Ärmel oder geben Laute von sich. Autistische Kinder tun das nicht.

Frage: Sollten sich die Eltern dann an einen "normalen" Kinderarzt wenden, oder sollte gleich ein Experte das Kind beurteilen?

Poustka: Kinderärzte kommen oft zu keiner richtigen Diagnose. Häufig wird den Eltern geraten, einfach abzuwarten. Das Kind werde schon irgendwann wieder "normal". Dabei ist eine Diagnose im Kleinkindesalter wichtig, weil bereits eine Frühförderung den Zustand verbessern kann.

Für Eltern, die den Verdacht haben, ihr Kind könnte unter Autismus leiden, sind Kinder- und Jugendpsychiater die richtigen Ansprechpartner.

Frage: Ist Autismus überhaupt heilbar?

Poustka: Die Antwort ist nein, was viele nicht hören wollen. Fakt ist aber, daß man durch gezielte Therapien sehr viel erreichen kann. Das Imitationsverhalten kann sich bessern, auch die Fähigkeit, Kontakte aufzubauen und aufrechtzuerhalten, kann ebenfalls gesteigert werden, und bestimmte Übungen können das Kind darauf trainieren, Gestiken und Mimiken des Gegenüber zu erkennen.

Frage: Wie sehen diese Übungen konkret aus?

Poustka: Mit Hilfe von Bildern wird trainiert, Gestiken und Mimiken richtig einzuschätzen. Dann baut sich das Kind zu jeder Bewegung eine Eselsbrücke, so daß es nachher besser erkennen kann, was jemand damit ausdrücken will.

Frage: Müssen in einer Therapie auch Medikamente eingesetzt werden?

Poustka: 50 Prozent der autistischen Kinder sind unruhig und nervös oder zeigen ein störendes, stark ritualisiertes Verhalten. Um überhaupt an sie heranzukommen, sie zu beruhigen und einen Therapieansatz möglich zu machen, wäre es eigentlich sinnvoll, wenigstens vorübergehend Medikamente zu verabreichen. Das wird aber immer noch viel zu selten gemacht. Die Eltern haben eine Scheu, ihrem Kind Medikamente geben zu lassen. Und das ist auch ganz natürlich. Trotzdem sollte man das tun, was dem Kind am besten hilft.

Frage: Besteht auch die Gefahr, das Kind "überzutherapieren"?

Poustka: Die Eltern sind einem enormen Leidensdruck ausgesetzt. Organisch gesehen fehlt ihrem Kind nichts. Aber sie spüren, daß irgendwas mit ihm nicht stimmt und die Kommunikation nicht funktioniert. Das ist für die Eltern so schwer auszuhalten, daß es manchmal sogar zu erheblichen depressiven Einbrüchen kommt. Und da ist es natürlich ganz selbstverständlich, daß sie alle Therapien und neuen Ansätze ausprobieren, die nur in irgendeiner Art und Weise Erfolg versprechen. Ungeprüft wird alles wie mit einem Staubsauger aufgesogen.

Frage: Da gibt es dann oft enttäuschte Hoffnungen?

Poustka: Ja. Vor ein paar Jahren meldete etwa eine amerikanische Zeitschrift, daß das Medikament "Sekretin" autistischen Menschen helfen könne. Nach wenigen Wochen war das Mittel in der ganzen Welt ausverkauft. Kurz danach stellte man allerdings fest, daß "Sekretin" völlig unwirksam zur Behandlung von Autismus ist.

Frage: Mit welcher Methode hilft man dann dem Kind am besten?

Poustka: Es gibt sehr gute ambulante Therapieeinrichtungen, die helfen können, den Zustand der Kinder zu verbessern. Daneben ist es aber auch ganz wichtig, daß autistische Kinder mit "normalen" Kindern Kontakt haben. Im Kindergarten können sie im Spiel mit den anderen, allerdings unter fachkundiger Anleitung, leichter die unterentwickelten Bereiche stärken. So können sie auf ganz natürlichem Weg lernen, ihre Kontaktfähigkeit, ihre Sprache und ihr Imitationsverhalten auszubauen.

Frage: Und das kann tatsächlich helfen?

Poustka: Die Erzieherinnen sind in der Regel sehr gut ausgebildet und häufig der Situation gewachsen, wenn sie Integrationshilfen, fachlicher wie personeller Art, erhalten. Ich bin sehr optimistisch, daß eine Einbettung spezieller Bemühungen im Rahmen einer ganz normalen Umgebung immer noch sehr viel zu einer Besserung beiträgt.

Die Fragen stellte Anne-Christin Hansen. Das Interview erschien zuerst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" am 9. November 2003.

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