Ärzte Zeitung, 08.04.2004

IM GESPRÄCH

"Ich raste schnell aus, klaue, lüge - das geben die Kinder offen zu"

Von Brigitte Düring

Rangeleien auf dem Schulhof: Aggressionen sind häufige Symptome bei verhaltensauffälligen Kindern. Foto: dpa

Als verhaltensauffällig gelten Kinder, die laut sind, unaufmerksam, die streiten, demolieren oder provozieren. Aber warum sind sie so, was fehlt ihnen? Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, hat die Leipziger Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik für Kinder und Jugendliche bereits 1994 eine Längsschnittstudie mit Kindern und Jugendlichen aus dem Förderschulzentrum für Erziehungshilfe in Leipzig gestartet.

"Unser Ziel ist, die Gefühls- und Gedankenwelt der verhaltensauffälligen Kinder zu erkennen und zu verstehen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Überlegungen zum Bildungswesen und so schrecklicher Ereignisse wie in Erfurt scheint es sehr bedeutsam, darüber mehr zu wissen", sagt die Pädagogin und Projektkoordinatorin Monika Herbst. "Wir stellen uns damit der präventiven Aufgabe." Doch jetzt, wo es um die Endauswertung der Daten von über 300 Förderschulkindern geht, steht die Studie vor dem Aus. Es fehlt Geld, um die Studie abschließen zu können.

Ohne Sponsoren wird die Arbeit im Juni eingestellt

"Nach der Rechtsformänderung des Leipziger Uniklinikums fühlen sich weder das Klinikum noch die Medizinische Fakultät für die Finanzierung zuständig", schildert die Projektleiterin der Klinik, Professor Christine Ettrich, die Misere. "Ohne Sponsor müssen wir im Juni die Arbeit einstellen", bedauert sie. Bemühungen, die sächsischen Sozial- und Wissenschaftsministerien oder die Stadt als Geldgeber zu gewinnen, waren nicht erfolgreich. "Wir bekamen viel Lob für die Zwischenergebnisse, aber überall hieß es, wir haben kein Geld!"

Mit Hilfe eines Fragebogens erfaßten die Leipziger Wissenschaftler bei 305 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen elf und 17 Jahren die Selbsteinschätzung von Verhaltensauffälligkeiten und von körperlichen Beschwerden. Parallel dazu wurden auch die Lehrer befragt. Bei 200 Schülern wurde nach einem Jahr eine zweite Befragung gemacht.

95 Prozent der Probanden wurden mit einer späteren dritten Befragung erreicht. "Wir wollten wissen, wann die Störungen anfangen, wie bewußt die Kinder sie wahrnehmen, wie sie sich damit fühlen und wie sie sich und die Umwelt erleben. Wenn man das besser weiß, könnte man früher fördern und behandeln", sagt die Pädagogin.

Häufig sind die Kinder aggressiv und kontaktscheu

Frühere Untersuchungen zeigen, daß etwa ein Drittel von 1000 Kindern, die in solchen Einrichtungen betreut werden, verhaltensauffällig sind. Unter anderem häufen sich Aggressionen, starke motorische Unruhe und Kontaktschwierigkeiten, aber auch depressive Verstimmungen, Probleme beim Essen und Sprachschwierigkeiten. Die Leipziger Studie zeigt nun, daß den betroffenen Kindern diese Störungen durchaus bewußt sind. "Ich raste schnell aus, schlage um mich, klaue, lüge - das geben die Kinder ganz offen zu", sagt Herbst.

Die Interviews, in denen die Schüler ihre Erfahrungen in der Schule und in der Familie schildern, zeigen, daß sie sich im Schulalltag ganz wohl fühlen und auch die gewünschte Aufmerksamkeit von den Lehrern erhalten. Doch wenn es darum geht, den schulischen Anforderungen zu entsprechen, läßt das Interesse nach. "Die Schüler haben zu wenig klare Ziele und kaum Ideale", so Herbst.

In Leipzig sollen nach der Endauswertung Empfehlungen für Ärzte, Kinderschutzverbände und Mitarbeiter von Erziehungshilfe-Angeboten ausgearbeitet werden - allerdings nur, wenn sich Sponsoren finden.

FAZIT

Verhaltensauffällige Kinder fallen oft durch ihre Aggressionen auf, aber auch Depressionen und Angstzustände gehören zu den Symptomen. Um die Kinder und Jugendlichen aus ihrer Außenseiterposition in Kindergärten oder Schulen zu holen, ist es wichtig, möglichst früh die Probleme zu erkennen und sie zu fördern. Hier setzt die Längsschnittsstudie der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Leipzig an. Um die Studie fortführen zu können, suchen die Institutsmitarbeiter dringend Sponsoren.

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