Ärzte Zeitung, 10.05.2004

Clostridien-Sporen im Essen können Säuglinge rasch töten

Botulismus kann Ursache für plötzlichen Kindstod sein / Angebrochene Babynahrung sollte möglichst schnell verbraucht werden

MAGDEBURG/WÜRZBURG (nsi). Bauchlage, schwere Decken, rauchende Eltern - das sind bekannte Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod. Die Ursache für den unerwarteten Tod eines Kindes kann jedoch auch eine ganz andere sein: etwa Nahrung, die mit Clostridien kontaminiert ist.

Schlafender Säugling. Der Darm von Neugeborenen kann Clostridien-Sporen nur schlecht abwehren. Foto: PhotoDisc

Der Tod von knapp zwei Jahre alten Zwillingen schien verdächtig: Die beiden Mädchen waren nicht mehr aus dem Mittagsschlaf erwacht. Plötzlicher Kindstod? Bei der Obduktion der beiden Kinder entdeckten die Pathologen massive Schleimhautverdickungen und -rötungen im Bereich des Dickdarms. Außerdem wiesen sie Clostridium difficile und dessen Toxin im Stuhl der Mädchen nach. Im Haushalt stießen die Ärzte auf Babynahrung, die mit Clostridien kontaminiert war. Offenbar war sie nicht frisch verwendet worden.

Das Ergebnis der Obduktion: Vermutlich hat Botulismus durch die belastete Nahrung den Tod herbei geführt, berichten Dr. Gerhard Jorch und Dr. Dagmar Fischer vom Zentrum für Kinderheilkunde der Universität Magdeburg (Klinische Pädiatrie 2004, 216, 31).

Um Botulismus bei Babys zu vermeiden, rät Fischer, angebrochene Babynahrung möglichst sofort zu verfüttern. Alternativ kann auch ein Teil, etwa aus einem noch ungeöffneten Glas, für die Mahlzeit entnommen und der Rest im Kühlschrank gelagert werden - jedoch höchstens einen Tag lang. Selbstgekochtes sollte mindestens zehn Minuten durchgekocht werden - aber möglichst nicht in der Mikrowelle, so Fischer zur "Ärzte Zeitung". Ein Löffelchen voll für Mama, eines fürs Kind ist ebenfalls tabu: Den Löffel fürs Baby sollte die Mutter nicht in den Mund nehmen.

Säuglingsbotulismus wird als Ursache für einen plötzlichen Kindstod unterschätzt, berichtet Dr. Ulrike Bartram von der Universitätskinderklinik in Würzburg (Klinische Pädiatrie 2004, 216, 26). In Studien aus Deutschland und anderen Ländern wurden bei 15 bis 30 Prozent der unerwartet gestorbenen Säuglinge Clostridien sowie Botulinumtoxin in Darm und Leber nachgewiesen. Bei den Kindern fand sich das Toxin im Darm teilweise in so hohen Konzentrationen, daß eine Clostridien-Infektion als Todesursache wahrscheinlich war. Bei plötzlichem Kindstod sollte daher auch an Botulismus gedacht werden, so Bartram.

Der mikrobiologische Nachweis von Clostridien oder deren Toxin sei allerdings nur ein indirekter Hinweis auf eine klinische bedeutsame Toxinwirkung, da es auch asymptomatische Verläufe gebe.

Daß Säuglinge besonders empfindlich auf die Erreger reagieren, liege daran, daß sie noch wenig Clostridien-hemmende Gallensäuren im Darm haben, erläutert die Ärztin. So können über die Nahrung aufgenommen Sporen auskeimen und das Toxin im Körper produzieren. Bei Erwachsenen müsse jedoch bereits genügend Toxin über die Nahrung aufgenommen werden, damit es zu Botulismus kommt. Denn bei ihnen können die Erreger im Darm in der Regel nicht überleben.

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