Ärzte Zeitung, 15.07.2004

HINTERGRUND

Enzymtherapie lindert bei Mukopolysaccharidose viele Symptome, deshalb ist die frühe Diagnose so wichtig

Von Nicola Siegmund-Schultze

Typisches Aussehen bei schwerer MPS: Der Dreizehnjährige hat verdickte Lippen, eine flache Nase und buschige Augenbrauen. Foto: Gesellschaft für MPS e.V.

Es war der Hausarzt, der bei Annemarie C. (Name von der Redaktion geändert) erstmals den Verdacht auf eine Mukopolysaccharidose hatte, eine seltene Stoffwechselerkrankung. Damals war die Patientin 25 Jahre alt, und sie hatte dem Allgemeinmediziner über zunehmende Unbeweglichkeit in den Fingern, Probleme beim Gehen und Fehlsichtigkeit berichtet. Außerdem deuteten Herzgeräusche auf einen Herzklappenfehler hin.

Bekannt war eine Hüftdysplasie, und im Alter von vier Jahren fiel den Eltern auch eine verringerte Beweglichkeit in den Händen auf, außerdem häufige Atemwegsinfekte und Schwerhörigkeit. Aber bei dem Kleinkind kam kein Pädiater auf die Idee, daß die Kombination der Symptome auf eine Mukopolysaccharidose (MPS) hinweisen könnte.

Alle Hausärzte und Pädiater sollten die Symptome kennen

Kaum ein Kinderarzt oder Allgemeinmediziner sieht Patienten, die an einer solchen Krankheit leiden. MPS sind selten, die geschätzte Häufigkeit beträgt - je nach Typ - 1 auf 263 000 Geburten (Typ IV) bis 1 zu 66 000 (Typ III); die Häufigkeit aller Mukopolysaccharidosen wird auf 1 zu 29 000 Geburten geschätzt.

Dennoch: "Pädiater und Hausärzte sollten die Symptome kennen", sagte Professor Michael Beck von der Universitätskinderklinik Mainz beim 8. Internationalen Symposium über Mukopolysaccharidosen und verwandte Krankheiten in Mainz. Denn für MPS vom Typ I - eine leichte Form hat Annemarie C. - gibt es heute eine Enzymersatztherapie mit einer rekombinant hergestellten Form der alpha-L-Iduronidase (Aldurazyme®). Seit einem Jahr ist das Medikament für diese Indikation zugelassen, klinische Studien für weitere Mukopolysaccharidosen laufen. Auch Patienten mit schweren Verlaufsformen könnten von der Enzymersatztherapie profitieren. Bei schweren Formen von MPS I können außerdem Knochenmarktransplantationen den Verlauf mildern, vor allem wenn diese bis zum Ende des zweiten Lebensjahres erfolgen.

Etwa tausend Kinder in Deutschland haben eine MPS-Erkrankung geerbt. Diagnostische Probleme bereiten vor allem die leichten Formen. "Wenn anomales Knochenwachstum mit Symptomen am Herzen kombiniert ist und häufig auch mit Hornhauttrübung, sollte man an eine Mukopolysaccharidose vom Typ I denken", sagt Dr. Eugen Mengel, der wie Beck an der Mainzer Universitätskinderklinik auf lysosomale Speicherkrankheiten wie MPS spezialisiert ist. Auch Nabel- und Leistenhernien gehörten zu den Frühsymptomen.

Enzymmangel führt zur Polysaccharid-Speicherung

Charakteristikum dieser autosomal-rezessiv vererbten Krankheiten ist ein Mangel an Enzymen, die in den Lysosomen Glykosaminoglykane (GAG) abbauen. Bei MPS I betrifft der Mangel das Enzym alpha-L-Iduronidase, das die Hydrolyse der Polysaccharide Dermatan- und Heparansulfat katalysiert. Diese lagern sich in Knochen, inneren Organen und bei vielen, aber nicht allen Patienten auch im Zentralnervensystem ab. Anstelle der früheren Einteilung der MPS I in Morbus Hurler (schwerste Verlaufsform), Morbus Hurler-Scheie (mittelschwere Form) und Morbus Scheie (leichte Verlaufsform) werden heute Verlaufsformen mit und ohne ZNS-Beteiligung von einander abgegrenzt und wird dann die individuelle Ausprägung der Krankheit beschrieben.

Labordiagnostisch wird zunächst der Urin auf Mukopolysaccharide untersucht, wobei bei positivem Befund das Ausscheidungsmuster schon bestimmte MPS-Typen erkennbar macht. Bei MPS I und II zum Beispiel finden sich vermehrt Dermatan- und Heparansulfat im Urin, bei MPS III Heparansulfat alleine. Mit dem Blut der Patienten werden dann Enzymassays und genetische Untersuchungen gemacht.

Bei schwerer MPS I haben die Kinder ein typisches Aussehen

Schwere Verlaufsformen von MPS I mit ZNS-Beteiligung würden im Durchschnitt in einem Alter von neun Monaten diagnostiziert, sagte Professor James Edmond Wraith vom Royal Children’s Hospital im britischen Manchester. Frühmanifestationen (bis zum 24. Lebensmonat) sind vergröberte Gesichtszüge, großer Kopf, Hypertrichose, verdickte Lippen und vergrößerte Zunge, Entwicklungsverzögerungen, rezidivierende Infektionen der oberen Atemwege, Hernien, Milz- und Lebervergrößerung, Skelettanomalien mit Gibbus und Gelenkkontraktionen, eingeschränkte Beweglichkeit vor allem in Händen und Hüfte, Hornhauttrübung und Herzgeräusche aufgrund leichter Klappeninsuffizienz. Im Kleinkindalter verstärken sich die Manifestationen, oft kommt ein Hörverlust dazu.

Bis zum 24. Lebensmonat könne eine Knochenmarktransplantation den Verlauf häufig bessern, erläuterte Wraiths’ Kollege Professor Robert Wynn von der Abteilung Hämatologie der Kinderklinik. Gute Ergebnisse seien für die Manifestationen im ZNS, in den Atemwegen, inneren Organen (Leber und Milz) und am Herzen erzielt worden; Knochen- und Gelenkveränderungen ließen sich aber nicht wesentlich beeinflussen, so der Hämatologe.

Zwei kausale Formen der Therapien werden derzeit erforscht: mit pluripotenten Stammzellen und Gentherapien, bei denen gesunde Gene über virale Vektoren in Zellen des Patienten geschleust werden.

Weitere Infos: www.mps-ev.de oder bei Prof. Michael Beck, E-Mail: beck@kinder.klinik.uni-mainz.de, Tel.: 0 61 31 / 17 57 54, oder bei www.genzyme.de

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