Ärzte Zeitung, 27.08.2004

In Deutschland wird bei Kleinwuchs Wachstumshormon zu wenig genutzt

Nur bei wenigen Grunderkrankungen zugelassen / Schwere unerwünschte Effekte selten

MÜNCHEN (wst). Seit 45 Jahren werden kleinwüchsige Kinder erfolgreich mit Wachstumshormon behandelt. Dennoch wird diese Therapie in Deutschland viel zu selten genutzt. Zum einen, weil die Diagnose zu spät gestellt wird, zum anderen, weil die Indikation zur Hormontherapie hier restriktiver als in anderen Ländern definiert ist.

Wachstumshormon wird im Hypophysenvorderlappen (HVL) gebildet. Von dort ins Blut abgegeben, stimuliert es hauptsächlich in der Leber die Produktion von Wachstumsfaktoren, hat Professor Rolf Peter Willig von der Kinder- und Jugendklinik der Universität Hamburg bei einer Veranstaltung des Forum Wachsen in München berichtet.

Bis 1985 wurde Wachstumshormon aus HVL Verstorbener gewonnen. Seit 1986 ist in Deutschland und anderen westlichen Nationen nur noch rekombinantes humanes Wachstumshormon zur Therapie erlaubt. Eine Übertragung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit über Prionenkontaminationen ist damit ausgeschlossen.

Die Therapie mit rekombinantem humanem Wachstumshormon ist in Deutschland zugelassen bei Kindern mit diagnostiziertem Wachstumshormomangel sowie - dann meist in supraphysiologischer Dosierung -  bei kleinwüchsigen Kindern mit Ullrich-Turner- oder Prader-Willi-Syndrom, chronischer Niereninsuffizienz und intrauteriner Wachstumsstörung, sagte Willig.

In anderen Ländern wird die Verordnung von Wachstumshormon, das auch ohne endogenen Mangel des Hormons nachweislich das Wachstum fördern kann, weniger restriktiv gehandhabt. So hat in Australien jedes deutlich zu kleine Kind unabhängig von der Diagnose Anspruch auf eine Wachstumshormon-Therapie.

Vorsicht ist mit solchen Präparaten allerdings bei Kindern mit bestimmten schweren Skelettdysplasien wie einer Achondroplasie geboten, da hier iatrogen komprimierende Verknöcherungen an Nervenaustrittspunkten drohen. Ansonsten sind schwerere unerwünschte Wirkungen wie vorübergehende Hirndrucksteigerungen oder Hüftkopfablösungen selten. Insbesondere seien mit therapeutischen Dosen kein Anstieg der Tumorinzidenz und auch keine Akromegalie-Symptome beobachtet worden, so Willig.

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Forum Wachsen

Das Forum Wachsen ist eine 2003 gegründete Arbeits- und Interessengemeinschaft von derzeit sechs Pharmaunternehmen: Ferring Arzneimittel, Ipsen, Lilly, Novo Nordisk, Pfizer und Serono. Wichtige Ziele des Forums sind die Qualitätssicherung in Diagnostik und Therapie bei Patienten mit hormonell bedingten Wachstumsstörungen sowie die Kooperation mit endokrinologischen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen. Zudem soll durch die Arbeit des Forums die Bevölkerung für das Problem Wachstumsstörungen sensibilisiert werden. (wst)

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