Ärzte Zeitung, 15.09.2004

"Das ADHS ist keine erfundene Erkrankung"

Mit den hyperaktiven Kindern leidet meist die ganze Familie mit / Medikamentenverordnung ist bundesweit uneinheitlich

BERLIN. "Kinder zappeln eben", heißt es oft, wenn Eltern von ihrem motorisch überaktiven Kind berichten. Und wenn das Kind so auffällig wird, daß wegen eines Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) ein regulärer Schul- oder Kindergartenbesuch kaum möglich ist, dann bleibt auf den Eltern oft das Stigma haften, in der Erziehung versagt zu haben.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Unkonzentriert und zappelig: Oft wird unterschätzt, wie sehr Kinder selbst unter ADHS leiden. Foto: Janssen-Cilag

Medienberichte, in denen die Existenz des ADHS in Frage gestellt wird oder die suggerieren, es handele sich um eine von der Pharmalobby zur Krankheit gemachte Normvariante des ganz normalen Verhaltens, tragen ihren Teil dazu bei. In solchen Artikeln werden oft auch gleich noch die Ärzte stigmatisiert, die das Standardtherapeutikum Methylphenidat verordnen.

Eine "erfundene Epidemie", für deren Bekämpfung Pillen verordnet würden "wie Smarties", eine "scheinbare Häufung", das sind nur einige Beispiele dafür, wie das ADHS in vielen Presseberichten bagatellisiert wird. Die Juli-/August-Ausgabe der Zeitschrift "b & w" der Lehrergewerkschaft GEW in Baden-Württemberg bezeichnete Methyl-phenidat gar als "Aufputsch- und Dopingmittel" mit gefährlichen Nebenwirkungen.

Für Dr. Michael Huss von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité Berlin sind solche Pauschalisierungen ein Unding: "Man muß sich eigentlich nur ansehen, wie die Kinder selbst unter ihrem Problem leiden, um zu realisieren, daß wir hier nicht über eine fiktive Erkrankung reden", sagte der Arzt und Psychologe beim Weltkongreß für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Doch nicht nur das Kind, auch die Familie leidet: So wird geschätzt, daß Ehen in Familien mit ADHS-Kindern fünfmal häufiger geschieden werden als im bundesweiten Durchschnitt.

Daß das Phänomen ADHS mitsamt der zunehmend präsenten medikamentösen Behandlung allerdings bei vielen Menschen Irritationen hervorruft, das versteht Huss schon. Immerhin werden heute mindestens 23 mal mehr Methylphenidat-haltige Präparate verordnet als Anfang der neunziger Jahre. Im selben Zeitraum sei die Gesamtzahl der Arzneimittelverordnungen in Deutschland um ein Drittel zurückgegangen.

Dazu kommt, daß die Verordnung einer medikamentösen ADHS-Behandlung von Kinderärzten und Kinderpsychiatern in Deutschland alles andere als einheitlich gehandhabt wird: Jede dritte Methylphenidat-Dosis, die in Deutschland über den Apothekentresen geht, wird in einer von nur sechzehn Kinderarztpraxen und Kinderambulanzen verordnet. Den Rest teilen sich die rund viertausend anderen Kinderärzte des Landes.

Diese Ungleichverteilung habe zur Folge, daß es Regionen in Deutschland gebe, in denen sehr viele Kinder mit ADHS lebten und andere Regionen, etwa in den neuen Bundesländern, in denen die Erkrankung scheinbar überhaupt nicht auftrete, wie Huss bei einer von Janssen Cilag ausgerichteten Veranstaltung berichtete. Das Unternehmen vertreibt das Methylphenidat-Präparat Concerta®.

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