Ärzte Zeitung, 15.10.2004

Damit aus "Roch" ein "Frosch" wird

Modellversuch in Berliner Kitas: Kinderärzte haben Sprachförderung entwickelt

BERLIN (dpa). Berliner Kinderärzte machen Bildungspolitikern Hoffnung: In sechs Kindertagesstätten der Hauptstadt haben sie in den vergangenen Monaten ein speziell entwickeltes Lernprogramm für Kinder mit großen Sprachproblemen getestet. Der Berliner Landesverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands beurteilt den Modellversuch als Erfolg.

"Kinder, die vorher nur unverständlich brabbelten, haben nach wenigen Wochen verständlicher gesprochen", sagte Verbandssprecher Ulrich Fegeler. Das Programm wurde für Kinder erdacht, die in ihren Elternhäusern zu wenig Sprache vermittelt bekommen. Fegeler hofft, daß das Pilot-Projekt "Berliner Modell-Kita" nun bundesweit Schule macht.

Der Alltag bei Berliner Kinder-Sprachtests ist ernüchternd. "Roch" sagt ein fünfjähriger Junge, wenn ihm ein Logopäde das Bild eines grünen Frosches zeigt. Hält der Fachmann das Foto eines Spielplatzes in die Höhe, fällt dem Kind zur Beschreibung nur "pielen da" ein.

Deutsche Ärzte schlagen schon lange Alarm. Fünf bis 15 Prozent aller Kinder erfahren laut Fegeler in ihren Familien "so wenig geistige Anregung, daß sie kaum mehr als einen Hauptsatz bilden können". Der Berliner Kinder- und Jugendarzt sieht das Problem in Städten etwas stärker ausgeprägt als auf dem Land.

In einigen Familien werde kaum noch gesprochen, stattdessen laufe der Fernseher. Die Kinderheilkunde wertet Kommunikationsstörungen, die nichts mit einer angeborenen Behinderung zu tun haben, als "soziale Krankheit".

In ihrem Modellversuch wollten es die Berliner Ärzte nicht erst so weit kommen lassen. In Zusammenarbeit mit zwei Bezirken und sechs Kitas erhalten bereits Drei- und Vierjährige Sprachunterricht nach Schweizer Vorbild. Das Programm setzt bei den größten Schwächen der Kinder an: Bei der Pluralbildung, der Artikelwahl oder dem Satzbau. Auch die Artikulation spielt eine große Rolle. "Die Kinder haben in wenigen Wochen riesige Fortschritte gemacht, weil sie das System Sprache begriffen haben", berichtet Fegeler.

Erzieherinnen erhielten für den Sprachunterricht eine zwölfstündige Fortbildung. Der Kinderärzte-Verband hält diese Methode für effektiver als den "Sprachförderkoffer", den die Schulverwaltung Kitas anbietet. Den Modellversuch finanzierten der Ärzteverband und zwei Impfstoff-Firmen mit insgesamt 8000 Euro.

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