Ärzte Zeitung, 22.11.2004

HINTERGRUND

Bei Kindern mit Gelenkschmerzen ist die Diagnose oft Detektivarbeit

Von Angela Speth

Was tun, wenn ein Kind über Schmerzen in den Gelenken klagt? Sind es harmlose Wachstumsschmerzen, oder steckt möglicherweise etwas Ernsteres dahinter? Um die Ursache ohne viel aufwendige Diagnostik festzustellen, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Orthopäden und Pädiater nötig, empfahlen Kinderorthopäden auf einem Symposium in Tübingen.

In Fachbüchern steht nur wenig zu Wachstumsschmerzen

Normales Wachstum tut nicht weh, wiegeln manche Experten ab, wenn die Rede auf Wachstumsschmerzen kommt. "Es ist erstaunlich, daß Fachbücher diesem Thema nur wenige kurze Sätze widmen", so Dr. Patrik Reize aus Tübingen. Denn für die Kinder und ihre Angehörigen stellten die Beschwerden oft ein gewaltiges Problem dar, abzulesen an dem großen Bedürfnis von Eltern betroffener Kinder nach Informationen über Wachstumsschmerzen und ihrer regen Teilnahme an Internetforen zu diesem Thema.

      Die Attacken beginnen abends zur Bettzeit oder auch nachts.
   

Wachstumsschmerzen sind offensichtlich weit verbreitet: Ein Viertel bis die Hälfte aller Kinder zwischen fünf und zehn Jahren leidet immer mal wieder daran, oft zwei- bis dreimal im Jahr während einiger Wochen. Dabei beginnen die Attacken meist abends zur Bettzeit oder auch nachts, so daß die Kinder weinend erwachen. Die Schmerzen dauern etwa zehn bis 15 Minuten, selten mehrere Stunden.

Ursprungsorte der Schmerzen sind die großen Epiphysenfugen, vor allem der Knie, aber auch der Fußgelenke und Arme, wechselnd links oder rechts. Sonstige Symptome sind nicht zu erkennen, keine Rötung, Schwellung oder Überwärmung, kein Ausschlag oder Fieber. Tagsüber ist meist alles wie ein Spuk vorüber.

Dehnung von Sehnen und Bändern könnte die Ursache sein

Die genaue Ursache ist unbekannt. Vermutet wird eine Dehnung von Sehnen und Bändern, die nicht so schnell mitfolgen, wenn sich der Körper gemäß der zirkadianen Rhythmik nachts ausdehnt und Mini-Wachstumsschübe von täglich 0,2 Millimeter hinzukommen. Möglicherweise gehen die Schmerzen aber auch auf Überanstrengung zurück oder eine Dehnung der schmerzleitenden Nerven in der nervenreichen Knochenhaut.

Als Therapie empfiehlt Reize Zuwendung, Massage, Moorsalbe und Wärme, bei starken Schmerzen auch Medikamente wie Paracetamol oder Ibuprofen.

Nach Angaben von Reize ist der Befund Wachstumsschmerzen eine Ausschlußdiagnose. Die niedergelassenen Pädiater und Orthopäden machten zunächst die Basisuntersuchungen. Wenn sich dabei nichts ergebe, fühlten sie sich gelegentlich überfordert, denn dann kommen Krankheiten ins Spiel, etwa Tumoren, mit denen manche wenig vertraut sind, deren Verschleppung aber fatal sein kann. Oft ziehen die Eltern mit ihrem Kind von Arzt zu Arzt und setzen die Ärzte unter Druck, aufwendige Untersuchungen zu betreiben, weil vielen bewußt ist, was sich hinter vermeintlichen Wachstumsschmerzen verbergen kann.

Steht auf dem Überweisungsschein "unklare Schmerzen, bitte abklären", ist die Sprechstunde für Kinderorthopädie der Universitätsklinik Tübingen eine Anlaufstelle. Hier wird geschaut, welche Störungen sonst in Betracht kommen: Osteochondrosen, Tumoren in den Wachstumsfugen, Rheuma, Durchblutungsstörungen, Knochenbrüche, Leukämie oder Borreliose. Bei dieser Detektivarbeit zur Differentialdiagnose habe sich die enge Kooperation mit der Ambulanz für Kinderheilkunde bewährt, sagte Reize. Er könne ohne Wartezeit hinübergehen und sich dort mit den Kollegen beraten.

"Wichtig ist, eine teure, aber unspezifische Verlegenheitsdiagnostik zu vermeiden", so der Kinderorthopäde. Als erste Maßnahme eignen sich Labortests auf juvenile rheumatoide Arthritiden, weil diese sich am häufigsten als Ursache für die Schmerzen herausstellen. Möglich sei auch, versuchsweise Rheumamittel zu geben, so daß die Therapie einen Verdacht bestätigt oder eben nicht. Szintigraphie, Computer- und Kernspintomografie gehörten eher zu späteren Schritten des Abklärungsweges. Reize: "Läßt sich nichts finden, muß man damit leben, daß ein ungutes Gefühl bleibt."

STICHWORT

Wachstumsschmerz

Wachstumsschmerzen treten meist bei Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren auf. In diesen Jahren wachsen hauptsächlich die Extremitäten. Die kniegelenksnahen Wachstumsfugen - das sind die distale Femur-Epiphysenfuge und die proximale Tibia-Epiphysenfuge - sind dabei zu etwa zwei Dritteln am Wachstum der Extremitäten beteiligt. Treten
Gelenk-Schmerzen bei Kindern über zehn Jahren auf, besteht grundsätzlich auch Tumor-Verdacht.

Die Wachstums-Beschwerden kommen meist nachts vor, so daß die Kinder aufwachen. Am Morgen ist das Kind beschwerdefrei. Die Angaben der Kinder sind meist diffus. Die Schmerzen sind überwiegend in den unteren Extremitäten, meist im Kniegelenks-Bereich, lokalisiert. Sie betreffen beide Seiten, treten aber nicht unbedingt gleichzeitig auf. (ts)

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