Ärzte Zeitung, 01.02.2005

Für dehydrierte Babys reicht meist orale Therapie

Kleinkinder mit Brechdurchfall / Intravenöse Rehydratation ist nur bei schweren Schocksymptomen nötig

BERLIN (gvg). Kleinkinder und Säuglinge mit Brechdurchfall und Zeichen der Dehydratation erhalten noch immer zu häufig eine intravenöse Rehydrationstherapie. Standard sollte aber die orale Rehydratation mit entsprechenden Rehydratationslösungen sein.

Bereits drei Stunden nach der Rehydratation sollten die Säuglinge erneut Nahrung aufnehmen. Foto: amw

In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa zwei Millionen Menschen an Brechdurchfällen. Knapp ein Drittel davon sind Kinder bis zum fünften Lebensjahr. Etwa jedes dreißigste betroffene Kind werde stationär behandelt, sagte der pädiatrische Gastroenterologe Professor Peter Zimmer aus Münster auf der Interdisziplinären Fortbildung der Bundesärztekammer in Berlin.

Häufig sind diese Klinikaufenthalte mit folgender intravenöser Flüssigkeitssubstitution unnötig, wie Privatdozentin Sibylle Koletzko von der Universität München sagte. Kontrollierte Studien hätten mehrfach die Überlegenheit der oralen Rehydratation belegt, und zwar sowohl was die Effektivität angeht als auch hinsichtlich unerwünschter Wirkungen, Kosten und Zufriedenheit der Eltern.

Lediglich bei schwerer Dehydratation mit Schocksymptomatik oder zerebralen Symptomen ist die orale Therapie nicht angezeigt. Trotzdem stößt die praktische Umsetzung der oralen Therapie in Europa und den USA oft auf Schwierigkeiten.

Die von pädiatrischen Fachgesellschaften empfohlene orale Behandlung zielt in Stufe 1 auf eine rasche Rehydratation mit standardisierten Lösungen (siehe Kasten). Angestrebt werden sollten je nach Schwere der Dehydratation etwa 40 bis 100 ml/kg Körpergewicht innerhalb von drei bis vier Stunden. Ein häufiger Fehler in diesem Stadium sei, daß die Rehydratationslösung in zu großen Portionen verabreicht werde, was weiteres Erbrechen provozieren könne, so Koletzko.

Bereits drei Stunden nach der Rehydratation sollte mit der erneuten Nahrungsaufnahme begonnen werden, und zwar mit der Kost, die das Kind auch sonst zu sich nimmt. Stillkinder können sogar während der Rehydratation bei Bedarf gestillt werden. "Praktiken wie Teepause, Heilnahrung oder Verabreichen von Cola werden leider noch allzu oft im klinischen Alltag angewandt", so Peter Zimmer in Berlin.

Lösungen zur Rehydratation

Für die orale Rehydratation stehen diverse Standardlösungen zur Verfügung, die vor allem Natrium, Kalium, Zitrat und Glukose enthalten (etwa Elotrans neu®, Milupa GES 60, Humana Elektrolyt, Oralpädon®, Santalyt und andere). In Europa werden Lösungen mit einem Natrium-Gehalt von 45 bis 60 Millimol pro Liter empfohlen. Bei Durchfällen mit hohen Salzverlusten im Stuhl, wie sie bei Cholera und Infektionen mit enterotoxischen Escherichia coli auftreten, sollten Lösungen mit 90 Millimol Natrium pro Liter gewählt werden. Zum Teil sind die Lösungen gesüßt oder mit Geschmacksstoffen versetzt, um es den Kindern einfacher zu machen (aus Reinhardt; Therapie der Krankheiten im Kindes- und Jugendalter, 7. Auflage 2004, Springer Verlag). (gvg)

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