Ärzte Zeitung, 18.07.2005

KOMMENTAR

Muß man schweigen? Darf man melden?

Von Nicola Siegmund-Schultze

Sie werden geschlagen, getreten oder gestoßen, gegen Wände oder Möbel geworfen, verbrüht, verbrannt, mißbraucht oder vernachlässigt bis zum Hungertod: Gewalt gegen Minderjährige ist häufig. Etwa 30 000 solcher Straftaten werden jährlich in Deutschland verfolgt, die Dunkelziffer wird auf eins zu 50 geschätzt.

Was aber soll ein niedergelassener Arzt tun, wenn er ein Kind wegen Bauchschmerzen untersucht und dabei striemenartige Hautunterblutungen feststellt? Darf er die Polizei, das Jugendamt, einen sozialen Dienst informieren?

Anders als in den USA oder Österreich, wo ein Arzt Zeichen für Mißhandlung, Vernachlässigung oder Mißbrauch an Sicherheitsbehörden melden muß, läßt sich solch eine Meldepflicht aus deutschen Gesetzen nicht ableiten. Der Arzt gerät in eine Interessenkollision zwischen dem Recht auf Diskretion von Eltern und Kind und dem Recht auf Leben und Gesundheit seines Patienten.

Sieht er letzteres erheblich gefährdet, kann er die Schweigepflicht brechen. Jugendamt, freie Träger wie Kinderschutzbund, aber auch eine rechtsmedizinische Ambulanz können Ansprechpartner sein.

Das Risiko aber bleibt, daß letztlich ein Gericht entscheidet, ob der Bruch der Schweigepflicht gerechtfertigt war.

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
Bei Verdacht auf Kindesmißhandlung muß der ganze Körper untersucht werden, am besten stationär

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »