Ärzte Zeitung, 06.10.2006

Bauchschmerz nach Rollersturz? Achtung Pankreatitis!

Akute Pankreatitis ist bei Kindern häufiger als bislang angenommen / Oft sind Unfälle oder Infektionen Ursache / Behandelt wird stationär

DRESDEN (gvg). "Gab es einen Unfall?" Diese Frage gehört in jede Anamnese bei Kindern mit akutem Bauchschmerz. Lautet die Antwort "ja", sind Pankreas-Laborwerte und eine Sonographie wichtig. Denn eine Unfallfolge kann auch einmal eine Pankreatitis sein.

Flott unterwegs ist dieses Mädchen auf ihrem Roller. Kommt es zu einem Unfall mit Bauchprellung, kann auch eine Pankreatitis die Folge sein. Foto: ddp

Etwa eines von 300 Kindern, die in eine Kinderrettungsstelle gebracht werden, hat eine akute Pankreatitis. Einer Zehnjahresstudie von Kollegen der Universität Dresden zufolge ist ein stumpfes Bauchtrauma die Ursache mindestens jeder zweiten akuten Pankreatitis bei Kindern (Monatsschr Kinderheilkd 154, 2006, 245). Die Konstellation aus plötzlichen schweren Bauchschmerzen und etwa einem Fahrrad- oder Rollerunfall wenige Tage zuvor sollte also aufmerksam machen.

"Bei jedem Kind mit den Symptomen eines akuten Abdomens gehört eine Laboruntersuchung dazu, und die Bestimmung des Amylase- und Lipasewerts ist Teil davon", sagt Professor Jobst Henker von der Universität Dresden. Parallel dazu sollte eine Sonographie veranlaßt werden, um Differentialdiagnosen wie eine Invagination zu klären.

Dreifach erhöhte Pankreaswerte beweisen die Pankreatitis

Eine dreifache Erhöhung des Amylase- oder Lipasewerts über die obere Normgrenze ist beweisend für Pankreatitis. Aber auch niedrigere Werte sind, in Kombination mit einer Pankreasvergrößerung im Ultraschall, hoch verdächtig. "Diese Kinder sollten alle ins Krankenhaus", so Henker. Denn nur dort kann bei Bedarf rasch eine intravenöse Flüssigkeitstherapie begonnen werden und eine CT veranlaßt werden, mit der die lebensbedrohlichen nekrotisierenden Verläufe nachweisbar sind.

Sind die Bauchschmerzen nicht ganz so akut, sollte auch bei von links nach rechts ausstrahlenden, gürtelförmigen Beschwerden an eine Pankreatitis gedacht werden. Im Zweifel gilt: Lieber einen Lipasewert zuviel bestimmen als einen zu wenig.

Die akute Pankreatitis bei Kindern wurde früher als selten eingeschätzt. Doch ist sie offenbar wesentlich häufiger als bisher oft angegeben, sagte der Studienleiter Professor Jobst Henker von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uni Dresden zur "Ärzte Zeitung". Zwischen 1991 und 2000 hatten in der Dresdener Rettungsstelle 156 Kinder eine Pankreatitis. Das sind 0,3 Prozent aller Kinder, die in dieser Zeit von den Ärzten angesehen wurden.

Die von Erwachsenen bekannten, typischen Pankreatitis-Ursachen, nämlich Alkohol und Gallensteine, waren bei den Kindern naturgemäß kein Problem. Ganz im Vordergrund standen Bauchtraumata, die bei zwei von drei Kindern offenbar die Ursache waren. Typisch sind Unfälle mit Roller oder Fahrrad, bei denen der Lenker in den Bauch stößt und eine Pankreasruptur verursacht. "Aber auch ein kleiner, fest in den Bauch geschossener Ball kann bereits eine Pankreasreizung auslösen."

Eine andere Ursache von Pankreatitiden sind Skolioseoperationen. Bei immerhin jedem fünften Kind der Studie war das die Ursache. Der Grund dafür sei unklar, so Henker. "Es gibt zwei Theorien. Die eine besagt, daß der Eingriff zur mechanischen Irritation des Pankreas führt. Eine zweite bringt die Pankreatitis in Verbindung mit größeren Blutverlusten, wie sie bei Skoliose-Operationen häufiger sind".

Abgesehen von Traumata waren Infektionen und Systemerkrankungen weitere häufige Ursachen einer akuten Pankreatitis bei den in Dresden untersuchten Kindern. Zwar ist die in der Vergangenheit häufigste infektiöse Pankreasentzündung, die Mumps-Pankreatitis, dankt Impfung sehr selten geworden.

Dafür werden Enteroviren immer wichtiger. Vor allem Coxsackie- und Echo-Viren gelten als potentiell problematisch für die Bauchspeicheldrüse. Bei den Systemerkrankungen seien vor allem das Reye-Syndrom und angeborene Fettstoffwechselstörungen zu nennen, so Henker.

"Glücklicherweise verlaufen fast alle akuten Pankreasentzündungen bei Kindern als milde, ödematöse Pankreatitis", unterstreicht Henker. Eine stationäre Überwachung sei trotzdem Pflicht, um bei den wenigen Kindern, bei denen die Erkrankung doch lebensbedrohlich verläuft, rechtzeitig reagieren zu können. Vor allem die rasche intravenöse Flüssigkeitstherapie ist lebensrettend.

FAZIT

Bei Kindern ist eine akute Pankreatitis offenbar deutlich häufiger als bisher angenommen, ergab eine Untersuchung durch Pädiater der Universität Dresden. Die häufigsten Ursachen von Pankreatitiden bei Kindern sind Traumata (Roller- oder Fahrradunfälle, Skolioseoperationen), Infektionen (Coxsackie- und Echo-Viren) oder Gallenwegsläsionen. Beweisend für eine Pankreatitis ist eine dreifache Erhöhung der Lipase- und Amylase-Werte. Jedes Kind mit akuter Pankreatitis sollte stationär aufgenommen werden, sagen die Kollegen der Uni Dresden. Zwar verläuft die Pankreatitis bei Kindern meist mild. Doch die seltenen nekrotisierenden Verläufe sind lebensbedrohlich.

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