Ärzte Zeitung, 19.10.2006

Welchen Nutzen hat die Delphin-Therapie?

Uni Würzburg stellt Studie zum Nürnberger Delphinarium vor / Tierschützer kritisieren Haltung von Delphinen

NÜRNBERG (dpa). Im Nürnberger Delphinarium erklingt leise Musik. Hand in Hand mit einem Delphintrainer nähert sich die vierjährige Inia in einem blauen Neoprenanzug dem Becken. Neugierig beobachtet sie, wie die Delphine im Wasser Purzelbäume schlagen. Langsam tastet sie sich an das Becken heran. Wenig später spielt sie Ball mit der Delphindame "Anke". Schließlich verliert Inia ihre Scheu vollends, schiebt dem großen Tümmler zur Belohnung einen Fisch ins Maul und streichelt seinen Rücken.

Kirsten Kuhnert und ihr Sohn Tim spielen mit einem Delphin. Tim erwachte durch die Therapie aus dem Wachkoma. Foto: dpa

"Bei der echten Delphintherapie ist neben dem Trainer auch noch ein ausgebildeter Therapeut dabei", sagt Projektleiter Erwin Breitenbach von der Universität Würzburg. Doch weil die Augen der Öffentlichkeit eine echte Therapiesitzung mit schwerstbehinderten Kindern stören würden, wurde die Szene für eine Demonstration nachgestellt.

Vor zehn Jahren haben Breitenbach und sein Team die Idee der Delphintherapie an den Nürnberger Tiergarten herangetragen. Sieben Jahre lang erforschten die Wissenschaftler die Wirksamkeit der umstrittenen Therapie, indem sie etwa 50 behinderten Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren den Kontakt mit den Tieren ermöglichten.

"Bei den Kindern ist eindeutig eine positive Verhaltensänderung nachweisbar", betonte Breitenbach bei der Präsentation der Forschungsarbeit. Im Anschluß an den Kontakt zwischen Kindern und Delphinen habe sich die Kommunikation zwischen Eltern und Kind dauerhaft verbessert. Begleitende Maßnahmen, wie etwa die Verbindung der Therapie mit einem Urlaub für die ganze Familie oder einer sozialpädagogische Betreuung der Eltern, hätten hingegen keinen Einfluß auf den Therapieerfolg gehabt.

"Die Delphintherapie kann sich wirklich Therapie nennen. Bei vielen anderen Behandlungsansätze wär man froh, wenn sie ähnliche Effekte nachweisen könnten", sagte der Wissenschaftler. Karsten Brensing von der Berliner Meeressäuger-Schutzorganisation "Whale and Dolphin Conservation Society" kritisierte, die Studie sei nicht aussagekräftig genug. Bislang sei kein Beleg erbracht worden, wonach die Therapie mit Delphinen effizienter sei als eine mit gezähmten Nutz- und Haustieren.

Tatsächlich hatten die Würzburger Forscher auch eine solche Tiertherapie mit 13 Behinderten im Tiergarten in ihre Studie einbezogen. Doch weil die Gruppe zu klein war, gebe es "noch keine gesicherten Erkenntnisse", sagte Breitenbach. Diese Frage sei Gegenstand der weiteren Forschungsarbeit im Tiergarten.

Der Tiergarten soll Behinderten die Delphintherapie weiterhin ermöglichen. Allerdings müßten die Familien die Behandlungskosten in Höhe von etwa 2500 Euro für eine Therapie-Einheit von bis zu zehn Tagen aus der eigenen Tasche finanzieren, sagte Forschungsleiter Lorenzo von Fersen.

Im alten Delphinarium könnten allerdings nur maximal 16 Kinder jährlich behandelt werden. Erst mit dem Neubau der zehn Millionen Euro teuren "Lagune 2000", einer geräumigen Außenanlage, würden zusätzliche Kapazitäten geschaffen, damit jährlich bis zu 150 Kinder mit den Delphinen spielen könnten.

Die Anlage werde aus Spenden- und Sponsorengeldern sowie über ein Darlehen der Stadt Nürnberg finanziert, "und nicht aus Steuergeldern, wie unsere Kritiker immer behaupten", unterstrich Fersen. Weil es weltweit nur wenige Möglichkeiten zur Delphintherapie gebe, lägen der Universität Würzburg bereits mehr als 2500 Anfragen allein aus dem deutschsprachigen Raum vor.

Die Tierschutzorganisation "Delphinbefreier" aus Fürth kritisiert, der Tiergarten wolle mit der Studie nur von der Kritik an der nicht artgerechten Tierhaltung im Delphinarium ablenken. Allein in diesem Jahr seien dort drei Delphinbabys und ein Muttertier gestorben. Dennoch halte der Tiergarten am Bau der Lagune fest.

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