Ärzte Zeitung, 26.10.2006

HINTERGRUND

Hausärzte können Kinder auf Zeichen von Vernachlässigung screenen

Von Anja Krüger

Der Fall des kleinen Kevin, der in Bremen tot in der Wohnung seines heroinabhängigen Vaters gefunden wurde, hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Daß Kinder durch die Gleichgültigkeit oder gar den Haß ihrer Eltern sterben, ist glücklicherweise selten. Aber mißhandelt oder vernachlässigt werden viele Kinder. Haus- und Kinderärzte haben eine wichtige Funktion dabei, diese Familien rechtzeitig zu identifizieren.

Fünf bis zehn Prozent der Kinder eines Jahrgang werden in eine Risikofamilie geboren, schätzt Dr. Wilfried Kratzsch, Oberarzt des Kinderneurologischen Zentrums der Städtischen Kliniken Düsseldorf. Kratzsch hat mit Kinderärzten das Präventionsprojekt "Zukunft für Kinder in Düsseldorf" angeschoben. In den Kliniken der Stadt werden alle Neugeborenen einem sogenannten "Gefährdungs-Screening" unterzogen. Ärzte erfassen Risikofaktoren und bieten gegebenenfalls Hilfe an. In Kratzschs Klinik, in der das Screening seit Mai 2005 angewandt wird, werden im Monat drei bis vier Neugeborene als Risikokinder eingestuft.

Verzögerte Sprachentwicklung kann ein Alarmsignal sein

Daß gefährdete Kinder so früh erkannt und Ärzte schon in der Klinik den Eltern Hilfe anbieten können, ist optimal - aber die absolute Ausnahme. Andernorts sind niedergelassene Ärzte oft die ersten außerhalb der Familie, die die Mißhandlung oder die Verwahrlosung eines Kindes erkennen können.

Alarmsignale können etwa verdächtige Verletzungen wie untypische Verbrennungen oder eine verzögerte Sprachentwicklung sein. Auch daß kleine Patienten ungepflegt in die Praxis kommen, kann ein Hinweis sein. "Ärzte müssen abwägen, ob es für eine Auffälligkeit einen Grund gibt, oder ob sie ein Zeichen für Verwahrlosung oder Mißhandlung ist", sagt der Düsseldorfer Arzt Dr. Hermann Josef Kahl, Präventionsbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

    Bis zu zehn Prozent der Babys werden in Risikofamilien geboren.
   

Risikofaktoren sind ein geringes Alter der Mutter, Konsum illegaler Drogen oder Alkoholmißbrauch der Eltern, psychische Erkrankungen, Gewalterfahrungen und wenige Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft. "Treffen drei dieser Merkmale zu, handelt es sich um ein Hochrisikokind", sagt Kratzsch. In Düsseldorf werden diese Kinder engmaschig von Ärzten und Mitarbeitern einer eigens eingerichteten Clearing-Stelle beobachtet, bei Bedarf erhalten die Eltern Hilfe bei Säuglingspflege und Erziehung.

Ärzte dürfen nur in Fällen von schweren Mißhandlungen Informationen über Patienten etwa an Behörden weitergeben. Wenn sie einen Verdacht haben, können niedergelassene Ärzte dennoch etwas tun, ohne die Schweigepflicht zu verletzen. Kinderarzt Kahl führt in seiner Praxis interne Listen mit den Namen möglicherweise gefährdeter Kinder. Diese Patienten bestellt er häufiger ein, und vor allem kontrolliert er, ob die Termine wahrgenommen werden.

"Ist das nicht der Fall, versuchen wir, die Eltern telefonisch zu erreichen." Scheitert auch das, erhalten die Eltern einen Brief mit der Bitte, sich zu melden. Rührt sich die Familie nicht, kann sich Kahl an die Clearingstelle des Düsseldorfer Projekts wenden. Er rät Kollegen in anderen Städten, in solchen Fällen Kontakt zu anderen Ärzten aufzunehmen und sich über das weitere Vorgehen zu beraten. Auch die Vernetzung von Ärzten mit Hilfseinrichtungen für Eltern hält er für wichtig.

Bei einem Verdacht bittet der Arzt die Eltern um ein Gespräch - außerhalb der Sprechstunde, um die nötige Ruhe zu haben. Etwa ein Drittel der Eltern lassen sich darauf nicht ein. Ihre Kinder werden von dem Arzt besonders eng beobachtet. Die übrigen Eltern macht Kahl auf Hilfsangebote aufmerksam, die viele in Anspruch nehmen. Kahl: "Eine kleine Hilfe kann viel bewirken."

Risikofaktoren für Vernachlässigung

Ärzte können Familien, in denen Kinder möglicherweise von Mißhandlung und Vernachlässigung bedroht sind, anhand von Risikofaktoren erkennen.

  • Dazu gehören ein geringes Alter der Mutter, der Konsum illegaler Drogen, Alkoholabusus, psychische Krankheiten und Gewalterfahrungen in der Familie - und wenn Frauen während der Schwangerschaft viele Vorsorgeuntersuchungen ausgelassen haben. Treffen drei dieser Faktoren zu, ist das Kind sehr gefährdet.
  • Auch das Erscheinen der Kinder in der Praxis gibt Hinweise, etwa wenn sie ungepflegt wirken. Verdächtige Verletzungen wie unspezifische Verbrennungen oder ein auffälliger Impfstatus, daß also wichtige Impfungen fehlen, können Alarmsignale sein. Das gilt auch für eine verzögerte Sprachentwicklung.
  • Aufschluß über die Beziehung zwischen Eltern und Kindern erhalten Ärzte durch Beobachtung des Umgangs miteinander. Sie sollten in der Praxis und bei Hausbesuchen darauf achten, wie Eltern und Kinder miteinander sprechen und ob sie etwa Berührungen vermeiden. (akr)

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