Ärzte Zeitung, 09.02.2007

Plötzlicher Kindstod kann Tarnung für Gewalt sein

Jedes zehnte Kind mit der Diagnose plötzlicher Kindstod wurde misshandelt / Häufige Arztbesuche sind Hinweis

BERLIN (grue). In Deutschland sterben pro Jahr 400 bis 600 Säuglinge durch plötzlichen Kindstod SIDS (sudden infant death syndrome). Schätzungsweise ein Zehntel dieser Kinder sind jedoch tatsächlich Opfer von Misshandlungen oder Tötungen. Vor allem, wenn Kinder zuvor mehrfach in Kliniken waren, sollten Ärzte hellhörig werden.

Trauer um ein Kind: "Sudden infant death" oder gezielte Tötung? Foto:dpa

Die Diagnose SIDS stellen Kollegen meist dann, wenn keine andere Ursache für den Tod eines Kindes ersichtlich ist. Genauer nachhaken sollten sie jedoch, wenn die Kinder vor ihrem Tod bereits mehrfach im Krankenhaus waren oder Blut im Gesicht haben. Darauf hat Professor Frank Häßler von der Universität Rostock hingewiesen.

Manche Eltern dichten ihren Kindern Krankheiten an

Bei diesen Kindern kann auch ein Münchhausen-Syndrom by proxy bestehen. Bei dieser Störung dichten die Eltern ihren Kindern Krankheiten an, oder sie provozieren die beschriebenen Beschwerden. Der psychisch kranke Elternteil - meist die Mutter - bringt die misshandelten Kinder daher häufig zum Arzt.

Besonders gefährdet seien Kinder im zweiten Lebensjahr, so Häßler bei einem Psychiatrie-Kongress in Berlin.

Ein Verdachtsmoment könne sein, wenn die Kinder eine vordergründig überbesorgte Mutter haben. Sie stellt das Kind wiederholt bei Ärzten und in Krankenhäusern vor, weil es angeblich an Durchfällen, Essproblemen oder epileptischen Anfällen leidet. Diese Kinder müssten dann daraufhin untersucht werden, ob sie möglicherweise gewürgt, verletzt oder vergiftet wurden. Bei gering-stem Verdacht auf ein Münchhausen-Syndrom sollte Ärzte einen Psychiater einschalten und das Jugendamt informieren, sagte Häßler.

STICHWORT

Münchhausen- Syndrom

Menschen mit Münchhausen-Syndrom dichten sich Krankheiten an: Sie induzieren Erbrechen oder tragen Beinschienen um Verletzungen vorzutäuschen. Oft steckt der Wunsch nach mehr Zuwendung dahinter. Wenn Menschen den Wunsch, krank zu sein, über andere realisieren, spricht man von Münchhausen-Syndrom by proxy (englisch "by proxy": stellvertretend). Meist wählen sie Angehörige wie ihre Kinder aus. Nach Schätzungen werden 2,8 von 100 000 im ersten Lebensjahr Kinder von Eltern mit Münchhausen-Syndrom gequält. (grue)

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