Ärzte Zeitung, 10.03.2004

Heilpraktiker bringen Pferde mit Akupunktur auf Trab

Auch immer mehr Tierärzte bauen auf Naturheilkunde / Berufsbezeichnung Tierheilpraktiker ist nicht geschützt

Ein Pferd mit Akupunktur-Nadel. Meist erfolgt eine solche Behandlung wegen Rückenschmerzen der Tiere. Fotos: dpa
Claudia Martin beruhigt den Wallach Galisco, nachdem sie ihm zuvor Akupunktur-Nadeln gesetzt hat.

Galisco rührt sich nicht. Ohne ein Zucken läßt sich der schwarze Wallach die fingerlange Nadel unter das Auge pieksen. Claudia Martin streicht ihm beruhigend über die Nüstern. "Ich bin selbst verwundert, daß die Tiere so ruhig halten", sagt sie und dreht eine weitere Akupunkturnadel in den Pferderücken hinein. Seit zwei Jahren führt sie eine eigene Praxis für Tierheilkunde in Erbach im Odenwald. Einige Tierärzte arbeiten mit ihr zusammen, andere lehnen die "Piekserei" als Humbug ab.

Die Bauingenieurin und Reitlehrerin kam durch Zufall zu ihrem Beruf. "Als eines meiner Pferde verunglückte, dachte ich, eine Physiotherapie täte ihm gut. Wenn es Fußballern hilft, müßte es so etwas doch auch für Pferde geben." Auf der Suche nach Hilfe begeisterte sie sich für die Naturheilkunde und besuchte vier Jahre lang Schulen in der Schweiz und in Bad Bramstedt bei Hamburg.

Bei Untersuchungen bringt sie viel Zeit mit. "Rennpferde brauchen bis zu 20 Minuten, bis sie einen ohne Beruhigungsmittel ran lassen." Zur Behandlung von Rückenschmerzen - dem häufigsten Leiden der Reittiere - sieht sie sich auch Reiter und Sattel an. "Der falsche Sitz und die falsche Technik sind oft Ursachen für die Schmerzen." Claudia Martin kennt allerdings auch ihre Grenzen. Bei Koliken etwa läßt sie den Schulmedizinern den Vortritt.

Galisco hat inzwischen weitere Nadeln im Rücken und an den Beinen. "Damit werden Stauungen und Blockaden gelöst und die Durchblutung gefördert", erklärt Martin. Der 16 Jahre alte Wallach hat sich in seiner Jugendzeit einen Hüftknochen gebrochen. Lange Zeit konnte er die Verletzung ausgleichen, doch seit sechs Jahren lahmt er. "Ich war bei mehreren Ärzten, doch leider ist nicht viel dabei herausgekommen", erzählt Besitzerin Petra Kirchschläger. "Seit der Akupunkturbehandlung ist er viel agiler und belastet das Bein auch wieder."

Für die Tierärztin Elfriede Weichel-Parsczinski aus Groß-Zimmern bei Darmstadt ist Galisco ein Paradebeispiel. Früher wäre ein Pferd mit so einer Verletzung wohl nicht so alt geworden. Heute wird alles versucht, um es am Leben zu erhalten. Von Akupunktur hält sie zwar nichts, denn bislang habe sie noch keine Heilung durch Akupunktur beobachtet.

Ganz abtun will sie die Naturheilkunde jedoch nicht: "Bei mehreren Pferden mit Gebärmutterentzündungen hatten wir schon aufgegeben. Mit homöopathischen Mitteln ist es dann gelungen, die Selbstheilungskräfte der Tiere zu aktivieren und sie zu heilen."

Das Gesundheitssystem für Tiere weist für den Tierarzt und Heilpraktiker Ulrich Stach aus Brombachtal im Odenwald Parallelen zur Humanmedizin auf. "Viele kommen erst zu uns, wenn sie mit der Schulmedizin am Ende sind. Werden sie gesund, sind wir Helden, andernfalls Deppen."

In jedem Fall ist für Tierbesitzer Vorsicht angeraten. "Es gibt etliche fragwürdige Praxen", sagt Tierheilpraktikerin Jutta Schröter aus Bremervörde, Vorsitzende des Verbandes freier Tierheilpraktiker. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Der Staat sieht für eine Reglementierung keinen Bedarf, da keine Gefahr für die Volksgesundheit besteht.

So muß sich der Markt selber regeln. Bei Nutztieren hat die kostspielige Homöopathie außer bei Biobauern keine Chance. Die kranken Tiere werden einfach geschlachtet. Ansonsten bleibt es den Tierhaltern überlassen, ob sie mit ihren kranken Schoßhunden, Schmusekatzen oder Rassepferden den Arzt, Heilpraktiker oder Wunderheiler aufsuchen. (dpa)

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