Ärzte Zeitung, 09.03.2004

"Zu jeder Diagnose gibt es eine individuelle Kochanweisung"

Schauapotheke am Centrum für traditionelle chinesische Medizin (TCM) in Berlin / Kräutertees für alle Erkrankungen / Qualitätskontrolle wichtig

BERLIN. Wie eine Geschäftsstelle der kommunistischen Partei Chinas sieht das Eckgebäude in der Glinkastraße in Berlin-Mitte von ferne aus. Doch zwischen den roten Bannern mit chinesischen Schriftzeichen öffnet sich die Tür zu einem Informationszentrum für chinesische Arzneimitteltherapie.

"Was dem einen nützt, kann dem anderen schaden": Sabine Hülsebeck berät die Besucher der Schauapotheke. Fotos (2): miß

Von Angela Mißlbeck

Die Schauapotheke am Centrum für TCM (traditionelle chinesische Medizin) in Berlin-Mitte hat sich die sachliche Information über chinesische Arzneimittel zur Aufgabe gemacht. Hier gibt es keine Tigerkrallen, Bärengallen oder gehäutete Seepferdchen, wie sie manch obskure Kräuterstuben in Asien anbieten. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Akzeptanz der TCM zu erhöhen. Da bringt es nichts, reißerisch mit exotischen Tieren zu werben", sagt Dr. Roland Schmidt, Initiator der Schauapotheke und Apotheker der benachbarten Friedrichstadtapotheke.

Viele Kräuter werden in der Kinderheilkunde eingesetzt

Ginseng für Frauen wird die gelbe Engelwurz auch genannt. Sie soll bei Menstruationsbeschwerden helfen.

Die Besucher der Schauapotheke können chinesische Kräuter betrachten, riechen und ertasten - nur kaufen ist nicht möglich. Dazu müssen sie nach nebenan in die Friedrichstadtapotheke gehen.

Unter anderem ist in der Schauapotheke die gelbe Engelwurz zu sehen. Sie wird manchmal als Ginseng der Frauen bezeichnet, weil sie bei Menstruationsbeschwerden hilft, steht auf der Informationstafel. Der echte Ginseng, die wohl bekannteste chinesische Heilpflanze, wird in einer der vielen Metallboxen hinter dem Tresen aufbewahrt.

"Die Arzneimitteltherapie ist die Innere Medizin der TCM", erklärt Schmidt. Besonders in der Kinderheilkunde werden Kräuter eingesetzt, aber auch bei Rheuma-, Lungen-, oder Magen-Darmerkrankungen und bei Infekten.

Schmidt sagt: "Es gibt keine Indikation, die nicht mit Kräutern behandelt werden kann." Ist gegen alles ein chinesisches Kraut gewachsen? Das nun auch wieder nicht, aber ergänzend zur Schulmedizin tun die Kräutertees bei allen Erkrankungen ihr Gutes, so Schmidt. Er beobachtet, daß immer mehr Patienten auf natürliche Mittel setzen.

Alle Heilkräuter der TCM stammen aus China. Zwar gibt es Versuche, sie auch hierzulande anzubauen, doch Schmidt sagt: "Ein Edelweiß wächst anders, wenn man es vom Berg ins Tal verpflanzt." Man müsse sich allerdings von der romantischen Vorstellung verabschieden, daß die Kräuter in China zwischen Reisfeldern gepflückt würden. "Der Heilkräuteranbau ist ein bedeutender Industriezweig in China", so Schmidt.

In China werden die Kräuter industriell angebaut

Kräutermedizin-Anwendungen machen über 80 Prozent der TCM in China aus. Akupunktur spielt dort eine eher untergeordnete Rolle. Und da zur Versorgung der Milliardenbevölkerung große Mengen Kräuter gebraucht werden, werden sie industriell gefertigt - dazu gehört auch der Einsatz von Pestiziden, Schwermetallen und sonstigen Umweltgiften.

Die chinesischen Heiltees sind anhand dieser Zusätze in der Vergangenheit immer wieder in Verruf geraten. Schmidt läßt deshalb die Kräuter beim Import auf Schadstoffe überprüfen. Der Apotheker ist Mitglied in einem Förderverein für Traditionelle Chinesische Medizin, der sich zum Ziel gesetzt hat, eine Qualitätssicherung einzuführen.

Dazu gehört auch die gründliche Ausbildung der Ärzte. Nur wer die Nebenwirkungen kennt, kann die Kräuter richtig einsetzen. Es kommt vor allem auf die richtige Mischung an: Ein chinesischer Heiltee ist, so erzählt Schmidt, organisiert wie ein altchinesischer Hofstaat. In jeder Rezeptur gibt es ein Kaiserkraut. Das bestimmt die Wirkung. Ihm assistieren die sogenannten Ministerkräuter, und schließlich werden Diener beigemischt, die das Gemenge harmonisieren. Dosis und Mischung müssen stimmen und zu dem Patienten passen.

Ehemalige Krankenschwester berät Patienten und Ärzte

"Was dem einen nützt, kann dem anderen schaden, deshalb bekommt jeder Patient vom Arzt nach einer ausführlichen Diagnose eine individuelle Kochanweisung", erklärt Sabine Hülsebeck. Sie berät und informiert in der Schauapotheke Patienten und Ärzte zur TCM.

Oft beantwortet die gelernte Krankenschwester mehr als zwanzig Anfragen am Tag. Mal brauchen Patienten Rat beim Teekochen, mal wollen Ärzte wissen, wo sei ihre Patienten hinschicken oder sich selbst weiterbilden können.

Schauapotheke und Informationszentrum für TCM, Glinkastraße 2, 10117 Berlin, Telefon 030/206 748 81, weitere Infos im Internet: www.tcm-kraeuter.de

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