Ärzte Zeitung, 19.03.2008

HINTERGRUND

Schulmedizin mit eigenem anthroposophischen Akzent

Von Christian Beneker

Stationsbesuch auf der Internistischen Station - Anthroposophische Medizin im Asklepios-Westklinikum in Hamburg. Dies ist die einzige Klinikstation in Norddeutschland, die die schulmedizinische Behandlung im Sinne der anthroposophischen Medizin erweitert. Dabei wird die Zusammenarbeit mit den Zuweisern immer wichtiger.

 Schulmedizin mit eigenem anthroposophischen Akzent

Kliniktypische Geschäftigkeit bleibt komplett außen vor

Das erste, was auffällt, ist die Ruhe. Sie tritt ein, wenn man den Flur der Station für anthroposophische Medizin im Krankenhaus Hamburg Rissen betritt. 30 Betten, auf dem unteren Flur die Patientenzimmer und Schwesternzimmer, oben die Therapieräume und Ärztezimmer. Kein Linoleum deckt den Flur, sondern Teppichboden. Die krankenhaustypische Geschäftigkeit bleibt hinter den Glastüren zum Rest des Westklinikums zurück. Plötzlich fehlen die Wagen mit den Essenstabletts, die Gehwagen und Krücken in den Ecken. Auf einer Bank am Fenster sitzt entspannt ein offensichtlich schwer kranker Patient und erklärt lächelnd den Weg zu Dr. Michael Iskenius. Der Internist, einer von vier Ärzten auf dieser Station, arbeitet seit 30 Jahren in Rissen. Chefarzt der Station ist Dr. Jörn Klasen.

Versorgungskette mit Niedergelassenen im Fokus

Die Patienten auf dieser Station sind anders krank, weil sie anders betrachtet werden. "Wir berücksichtigen auch die sozialen Lebensverhältnisse, die religiöse Orientierung des Patienten und seinen geistigen Hintergrund", sagt Iskenius. Behandelt werden vor allem Patienten mit chronischen Erkrankungen oder Autoimmunkrankheiten sowie (chronisch-entzündlichen) Magen- und Darmerkrankungen und Leberkrankheiten. Die Begleitung und Behandlung von sterbenden Patienten ist ein weiterer Schwerpunkt, die Station verfügt auch über Palliativbetten.

"Auf unsere Station kommen oft Patienten, die normalerweise gar nicht in eine Klinik aufgenommen werden, die sich gleichwohl hundeelend fühlen", sagt Iskenius. Besonders bei Tumorpatienten sei das so. Viele Niedergelassene sind deshalb verunsichert und wissen nicht, ob sie ihre Patienten einweisen können oder nicht. Um die Befindlichkeiten, die über die üblichen Parameter hinausgehen, überhaupt aufzuspüren, brauche man ein dichtes Netz und engen Kontakt zu den Niedergelassenen Ärzten, sagt Iskenius. "Zurzeit versuchen wir eine Versorgungskette mit Hamburger Hausärzten aufzubauen", sagt Iskenius. Veranstaltungen und Qualitätszirkel sollen die Niedergelassenen für das Krankenhaus Rissen sensibilisieren. Es geht um ständigen Austausch, eine spezielle Überleitungspflege und Übergabegespräche mit den Hausärzten.

Kunst- und Physiotherapeuten sind in Behandlung einbezogen

Entsprechend der Ergebnisse bei der Aufnahme beziehen die Ärzte Kunsttherapeuten und Physiotherapeuten in den Behandlungsplan gleich mit ein. Gemeinsam besprechen Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Schwestern die Behandlung. Dem speziell ausgebildeten Pflegepersonal kommt insgesamt eine größere Bedeutung zu, als auf anderen Stationen. Pfleger und Schwestern verabreichen spezielle Bäder; Wickel oder rhythmische Massagen.

Die Klinikleitung will nun die Station mit der gesamtinternistischen Station zusammenschließen. So kommen die Patienten in insgesamt 110 Betten inklusive Palliativstation von zehn Betten in den Genuss der Komplementärmedizin - anthroposophische Behandlung, wie die Ärzte hier sagen. "Auch im Vergleich mit anderen Krankenhäusern ist die anthroposophische Behandlung ein wichtiges Merkmal", sagt Klasen.

Tatsächlich hatte die Station früher mehr Betten. "Im Rahmen der Liegezeitenverkürzung wurden auch auf der anthroposophischen Station zunächst Betten abgebaut", erklärt der ärztliche Direktor des Westklinikums, Professor Stephan Ahrens. "Natürlich muss auch diese Station rentabel arbeiten", sagt Ahrens, "und das tut sie jetzt auch."

Zusätzliche anthroposophische Komplexpauschale ist ansetzbar

Die Station gilt ihm als Aushängeschild des Krankenhauses. "Pflege und Fürsorge sind exzellent", so Ahrens, "zurzeit planen wir eine zusätzlich anthroposophische Tagesklinik."

Durch die Erweiterung auf die übrigen internistischen Betten kann auch hier die zusätzliche anthroposophische Komplexpauschale in den DRG angesetzt werden.

Seit Mitte 2006 wird die anthroposophische Behandlung mit einer Pauschale von zusätzlich 700 Euro vergütet. "Der Komplex umfasst 30 Zuwendungen à 30 Minuten pro Patient und Klinikaufenthalt", sagt Iskenius.

Die Station muss anders als die anderen acht stationären Einrichtungen anthroposophischer Medizin in Deutschland als Teil der privaten Asklepios-Kette auf Geld von Sponsoren und Spendern verzichten.

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