Ärzte Zeitung, 10.12.2007

BUCHTIPP DES TAGES

Im falschen Körper geboren

Junge oder Mädchen? Diese Frage ist eine der ersten, die werdende Eltern stellen. Geburtshelfer beantworten sie nach dem Genitalbefund. Die biologische Geschlechtszugehörigkeit ist meist eindeutig. Aber die Entwicklung der Geschlechtsidentität verläuft nicht immer nach Plan. Es gibt Menschen, die schon früh ihr biologisches Geschlecht als Irrtum der Natur empfinden und sich wünschen, dem anderen Geschlecht zuzugehören. Auf etwa 6000 wird die Zahl der Transsexuellen geschätzt, die in medizinischer Dauerbehandlung sind. Unter anderen an Ärzte und Psychotherapeuten, die sie betreuen, richtet sich das Buch "Therapieleitfaden Transsexualität".

Auf 172 Seiten gelingt es dem Herausgeber Professor Günter Karl Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München gemeinsam mit Autoren anderer Fachdisziplinen einen umfassenden und praxisnahen Überblick über die Geschlechtsidentitätsstörung (GIS) "Transsexualität" zu geben. Auch spezifische soziale Probleme, die vor allem in Kindheit und Pubertät auftreten, werden diskutiert, außerdem juristische Aspekte und die Kostenübernahme von Psychotherapie und geschlechtsanpassenden Behandlungen.

Durch die Beiträge des Buchs zieht sich die Frage, wie eine transsexuelle GIS von anderen Diagnosen, etwa Intersexsyndrom oder psychotische Erkrankungen abgegrenzt werden kann und wann sich Transsexualität manifestiert hat, so dass sie sich diagnostizieren und eventuell deswegen behandeln lässt. Diese Aspekte sind für Kinder- und Jugendärzte interessant, aber auch für Hausärzte, die oft ersten Ansprechpartner. Schließlich legt sich bei etwa einem Viertel der Kinder mit GIS das Problem wieder, ein größerer Teil wird homosexuell und nur bei zwei bis zehn Prozent bedeutet eine GIS im Kindesalter den Einstieg in die Transsexualität.

Professor Hartmut Bosinski vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel plädiert klar dafür, sowohl hormonelle wie chirurgische geschlechtstransformierende Behandlungen erst nach Abschluss der Pubertät vorzunehmen. Aber die Diskussion ist im Fluss, ob nicht schon eine Hormontherapie in Ausnahmefällen Kindern am Anfang der Pubertät die biologische Entwicklung zu einem Geschlecht erspart werden sollte, das sie ablehnen.

(nsi)

Günter Karl Stalla (Hrsg.): Therapieleitfaden Transsexualität, Uni-Med Verlag Bremen, London Boston, 2006, ISBN 3-89599-88-5, 44,80 Euro

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