Ärzte Zeitung, 23.05.2005

KOMMENTAR

Die Grundlagenforschung zum Klonen ist unverzichtbar

Südkoreanischen Forschern ist es, wie berichtet, gelungen, durch Klonen patienteneigene embryonale Stammzellen herzustellen. Für den Embryologen und Reproduktionsmediziner Professor Henning M. Beier aus Aachen schien die Zeit dafür reif zu sein. Für ihn ist die Grundlagenforschung unverzichtbar. Denn erst kommt die Forschung, dann die Therapie.

Von Professor Henning M. Beier

 
 
"Über die Entwicklung für therapeutische Anwendungen sollten wir dann diskutieren, wenn die Ergebnisse der Grundlagen-
forschung uns zu entscheiden erlauben, was richtig und was falsch ist."
 
Professor Henning M. Beier
Embryologe und Reproduktionsmediziner
   

Seit Jahren ist es weltweit ethisch-moralisch umstritten, gespendete Blastozysten, die sich in vitro nach normaler Befruchtung entwickelt hatten, zur Herstellung humaner embryonaler Stammzell-Linien zu verwenden. Die neue Etablierung humaner embryonaler Stammzell-Linien in Südkorea mit der genetischen Identität von Patienten, die zur Herstellung geklonter Blastozysten ihre eigenen Körperzellen spendeten, wird einen weiteren lebhaften gesellschaftlichen Diskurs eröffnen.

Wie die jahrelange öffentliche Debatte in Deutschland zeigte, ist die Eizell-Spende, grundlegend für jedes Forschungsklonen, ganz besonders umstritten. Die Tierversuche seit dem Klon-Schaf Dolly haben nachweislich demonstriert, daß eine nennenswerte Zahl entkernter Eizellen erforderlich ist, um nur eine erfolgreiche Reprogrammierung eines adulten Zellkerns zu erreichen. Reprogrammierung bedeutet, daß das Genom in einen Zustand wie in embryonalen Stammzellen zurückversetzt wird.

Wurden für die im vergangenen Jahr publizierten ersten embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) nach Transfer des Zellkerns einer Körperzelle noch insgesamt 242 Eizellen benötigt, so wurden in der jetzt publizierten Studie für eine Zell-Linie durchschnittlich 15 Eizellen verwendet.

Das Spektrum reicht von fünf bis 48 Oozyten für eine ES-Linie. Mit zunehmender Erfahrung und ständig verbesserter zellbiologischer Technik könnte erwartet werden, daß für die Reprogrammierung adulter Zellkerne bald wesentlich weniger Eizellen benötigt werden, als nach früheren Studien vermutet.

Schließlich demonstrieren die koreanischen Forscher, daß die Herstellung humaner ES-Zell-Linien mit Feeder-Zellen aus humanen Bindegewebe-Kulturen (Fibroblasten) als Nährboden erfolgreich ist. Damit entfällt die Diskussion um eine Kontaminierung mit Zellkultur-bedingten tierspezifischen Retroviren.

Die Zeit für den Forschungsansatz zur Gewinnung Patienten-spezifischer Stammzell-Linien schien reif. Diese Grundlagenforschung hätte in Deutschland oder in anderen Ländern, in denen das Klonen menschlicher Embryonen ebenfalls strafrechtlich verboten ist, nicht erfolgen können.

Man kann als objektiver Beobachter aber nicht umhin, zu sehen und zu bestätigen, daß diesen koreanischen wissenschaftlichen Arbeiten weltweit ein solides Maß an Grundlagenforschungen und umfassende Tierversuche vorausgegangen sind, die den Weg bereiteten.

Der wesentliche wissenschaftliche Beitrag der koreanischen Arbeitsgruppe besteht darin, daß sie aufzeigt: Die Reprogrammierung des menschlichen Genoms kann durch das Zytoplasma einer menschlichen Eizelle nach den gleichen Mechanismen ablaufen, wie es hunderte Analysen bei verschiedenen Säugetierarten zuvor gezeigt haben. Offensichtlich gibt es gute Gründe, davon auszugehen, daß die Reprogrammierung nach somatischem Zellkerntransfer wesentlich weniger fehlerhaft ablaufen kann als beim Klonen des berühmten Schafes Dolly.

Über die Entwicklung für therapeutische Anwendungen sollten wir dann diskutieren, wenn die Ergebnisse der Grundlagenforschung uns zu entscheiden erlauben, was richtig und was falsch ist. Erst kommt die Forschung, dann die Entwicklung zur regenerativen Therapie.

Grundlagenforschung ist unverzichtbar. Wie Detlev Ganten sagte, ist es nicht hilfreich, von "Irrweg" oder vom "richtigen Weg" zu sprechen, denn wer schon die Forschung nicht will, verhindert diese Entscheidungsfindung und braucht auf die Therapie nicht zu hoffen.

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Henning M. Beier ist Embryologe und Reproduktionsmediziner an der RWTH Aachen. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission für Stammzellforschung der Bundesregierung am Robert-Koch-Institut in Berlin.

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