Insekten als Fundus für neue Medikamente

DRESDEN (nie). Pflanzen liefern seit Menschengedenken Naturstoffe zur Heilung und Linderung von Krankheiten. Daß aber auch in Käfern, Motten oder anderem Geziefer wertvolle Substanzen zur Entwicklung von Arzneimitteln enthalten sein können, beschäftigte lange Zeit nur einen kleinen Zirkel von Insektenforschern. Durch die Bio- und Gentechnik hat sich das jetzt grundlegend gewandelt.

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Die Forschung an Insekten hat in den vergangenen Jahren einen großen Schritt nach vorne gemacht. Neue Medikamente gegen Krebs oder Infektionskrankheiten aus Insekten rücken in greifbare Nähe, wie vor kurzem auf einer Entomologen-Fachtagung in Dresden deutlich wurde.

"Viele Tierarten beherbergen eine große Zahl biologisch aktiver Naturstoffe sowie symbiotischer Bakterien und Pilze, die für die Medizin von kaum zu unterschätzender Bedeutung sind", sagte der Entomologe Professor Konrad Dettner. Für Chemiker, Pharmazeuten und Entomologen könnte das Reservoir mit vier bis sechs Millionen Insektenarten weltweit kaum größer sein.

An Dettners Lehrstuhl für Tierökologie an der Universität Bayreuth wird zum Beispiel an einem Tumorhemmer geforscht, der aus einer europäischen Kurzflügel-Käferart gewonnen werden kann. Die Weibchen diese Käfers entwickeln zum Fraßschutz für ihre Eier in ihrem Blut das Gift Pederin, das nachweislich antitumoral wirkt.

Nach Wirkstoffen gegen Krebs forscht auch die Biotechnik-Firma Entomed in Straßburg. Dafür nutzt das Forscherteam aus Pharmakologen, Biologen, Chemikern und Insektenforschern 14 000 Extrakte von Insekten aus aller Welt. Mit Erfolg: Ende des Jahres waren für einige Substanzen die ersten klinischen Tests vorgesehen, sagte Jean Combalbert von Entomed.

Doch den Geldgebern des Unternehmens schien der Prozeß zu kostspielig und langwierig. Vor kurzer Zeit drehten sie den Geldhahn zu, so daß Entomed nun zunächst neue Partner für die Entwicklungen finden muß.

Deutlich besser steht derzeit das britische Biotechnik-Unternehmen Evolutec da: Dessen Pharmaforscher gewannen aus Zecken einen Impfstoff gegen Lyme-Borreliose. Vor wenigen Monaten hat das Unternehmen den Wirkstoff auch als Arzneimittel gegen Pollen-, Hausstaub- und Milbenallergien in Europa und den USA patentieren lassen. Den Markt für Medikamente zur Behandlung von Allergien schätzt das Unternehmen auf 6,6 Milliarden Dollar.

Wissenschaftler haben auch eine Reihe von Insekten-Substanzen entdeckt, die das Potential für neue Antibiotika gegen resistente Erreger haben. Eine neu gegründete Forschergruppe um Dr. Andreas Vilcinskas, Professor für angewandte Entomologie an der Universität Gießen, hat sich zum Beispiel zum Ziel gesetzt, einen Wirkstoff der Großen Wachsmotte für die Bekämpfung von Erregern gefährlicher Infektionskrankheiten wie Cholera und Malaria nutzbar zu machen.

In der Motte, die vor allem als Schädling in Bienenstöcken bekannt ist, wurde schon in früheren Studien ein neues Eiweißmolekül entdeckt, das von Erregern produzierte giftige Enzyme - darunter vom Milzbrand-, Wundbrand- und Cholera-Erreger - inaktivieren kann. "Derzeit untersuchen wir, ob die entdeckten Stoffe auch gegen die Enzyme des Malariaerregers wirken", sagte Vilcinskas.

Mindestens ebenso interessant ist aus der Sicht des Gießener Wissenschafters die Frage, welche Antibiotika Rattenschwanzlarven - die Larven einer Schwebfliegen-Art - entwickeln. Die Larven leben in extremen Umgebungen wie sauerstofflosen und mit Mikroben belasteten Gewässern, Abwasserrohren und Jauchegruben. Die Forscher wollen wissen, ob die Tiere Stoffe produzieren, die zur Entwicklung von Arzneien gegen Infektionskrankheiten taugen.

Lesen Sie dazu auch: Wirkstoffe aus Insekten lassen sich bisher nur sehr schwer anreichern

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