Ärzte Zeitung, 17.05.2006

KOMMENTAR

Gentests - auch ein Spiel mit der Angst?

Von Nicola Siegmund-Schultze

Schon in der pränatalen Diagnostik ist die Diskussion um Gentests ein Dauerbrenner. Und die Debatte verschärft sich mit der Frage, wie sinnvoll gendiagnostische Tests sein können, wenn das Kind auf der Welt ist: Immer mehr Tests kommen auf den Markt, mit denen man Babys auf genetische Varianten oder Mutationen untersuchen kann.

Das Gendiagnostik-Gesetz, Bestandteil des Koalitionsvertrages auch der neuen Bundesregierung, schlummert dagegen seit Jahren in den Schubladen.

Viele der Gentests werden ohne begründete Indikation oder konkreten Verdacht als Selbstzahlerleistung angeboten. Dazu gehört jetzt auch ein Paket mit Tests auf Gluten- und Laktose-Intoleranz sowie Medikamenten-Unverträglichkeit.

Eltern werden kaum allein über Gentests entscheiden können

Eltern werden kaum allein entscheiden können, ob und wann solche Tests sinnvoll sind, sie brauchen daher eine gute ärztliche Beratung. Die Kollegen dürfen ihnen dabei keine Angst und kein schlechtes Gewissen machen, wenn sich die Eltern gegen das Angebot entscheiden. Auch sollten die Eltern informiert werden, daß einige der Veranlagungen, etwa für die Gluten-Intoleranz, nicht zwangsläufig Symptome hervorrufen, andere lassen sich noch bei ersten Krankheitszeichen gut erkennen.

So wird Laktose-Intoleranz oft erst um das zwölfte Lebensjahr symptomatisch und läßt sich dann ebenfalls gut feststellen. Sinnvoller wäre schon ein Test auf Galaktose-Intoleranz. Sie kann bei Muttermilch-Intoleranz schon früh zu Wachstumsstörungen und Intelligenzminderung führen.

An einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, wie er auch mit dem Testpaket geprüft wird, sollte jeder Arzt bei häufig rezidivierenden Atemwegsinfekten von Kindern denken. Der neue Test auf eine Veranlagung zu Aminoglykosid-induzierter Taubheit ist sinnvoll, weil man diese Veranlagung sonst erst bemerkt, wenn es zu spät ist.

Und wenn ein Elternteil Zöliakie hat, wird es vielleicht wissen wollen, ob der Nachwuchs auch betroffen ist - hier wäre der Gluten-Intoleranz-Test geeignet.

Fazit: Einzelne Gentests können durchaus Sinn machen, etwa wenn bei den Eltern bereits eine erbliche Störung bekannt ist. Doch bei Tests ohne jegliche Indikation und ohne Verdacht ist Vorsicht geboten.

Lesen Sie dazu auch:
Gentest-Paket ermöglicht frühe Diagnose von fünf Störungen

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