Ärzte Zeitung, 21.06.2006

INTERVIEW

"Es gibt nicht nur den ethisch gebotenen Schutz von Embryonen, es gibt auch eine Ethik des Heilens"

Viele Stammzellforscher plädieren dafür, nicht nur adulte, sondern auch embryonale humane Stammzellen zu erforschen. In Deutschland spricht sich auch Professor Hans R. Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster, dafür aus. Hemmt die deutsche Gesetzgebung, die die Herstellung humaner embryonaler Stammzellen verbietet, seine Forschung? "Ich persönlich kann mit der deutschen Gesetzgebung leben, aber man muß natürlich auch praktikable Kompromisse finden", sagte er im Gespräch mit Nicola Siegmund-Schultze von der "Ärzte Zeitung".

   
 
"Wir brauchen die Forschung an adulten und an embryonalen Stammzellen, und zwar gleichermaßen."
 
Professor Hans Robert Schöler
Max-Planck-Institut für Molekulare Medizin
   

Ärzte Zeitung: Wie sind derzeit die Gewichte zwischen der Forschung an adulten und an embryonalen Stammzellen verteilt?

Schöler: Wir brauchen die Forschung an beiden Zelltypen, und zwar gleichermaßen. Für medizinische Anwendungen ist zwar das Potential embryonaler Stammzellen größer als das von adulten. Aber wir müssen die Eigenschaften von adulten Stammzellen genau kennen. Wenn wir embryonale Stammzellen nutzen wollen, müssen wir zum Beispiel wissen, was eine gesunde, neuronale Stammzelle ausmacht. Denn will man embryonale Stammzellen für Therapien des Nervensystems einsetzen, sollten sie zuerst einmal in neuronale Stammzellen differenziert werden.

Ärzte Zeitung: Ein Forschungsziel besteht darin zu versuchen, humane embryonale Stammzellen ohne den Verbrauch von Embryonen zu gewinnen, aber auch ohne Eizellspenden von Frauen für diesen Zweck. Beides verbietet das deutsche Embryonenschutzgesetz. Wie ausgereift sind die Methoden?

Schöler: Wir haben einen neuen Ansatz in der Maus erprobt. Ausgangsmaterial ist eine befruchtete Eizelle im Vorkernstadium, die nach deutschem Recht kein Embryo ist. Solche Vorkerne bleiben häufig von In-vitro-Fertilisationen übrig. Eizellen im Vorkernstadium lagern in Deutschland in großer Zahl in den Kühltruhen der Fertilisationskliniken. Würde man nun in diesen Eizellen in der Zellkultur - wie wir es bereits bei Mäusen gemacht haben - das Gen Cdx2 blockieren, könnten sich aus ihnen keine Embryonen mehr entwickeln. Blockiert wird das Gen mit komplementären RNA-Stücken von nur etwa 23 Bausteinen Länge. Es bleibt also intakt, aber das dazugehörige Protein wird nicht gebildet. Damit wird die Entwicklung eines Trophoektoderms verhindert, das bei einem Embryo nach seinem Transfer in den Uterus für den Aufbau einer Plazenta notwendig wäre. Statt einer Blastozyste entsteht so also in der Zellkultur erst ein Stammzellkugelhaufen und daraus eine Stammzellen-Zyste. Aus Stammzellkugelhaufen lassen sich sehr effektiv embryonale Stammzellen gewinnen, zumindest bei Mäusen.

Ärzte Zeitung: Woher wissen Sie, daß die Stammzellen-Zysten nicht irgendwann doch ein totipotentes Stadium durchlaufen und sich daraus lebensfähige Embryonen entwickeln könnten?

Schöler: Das ist eine wichtige Frage. Wir haben nachgewiesen, daß die Effekte des Gens Cdx2 - und damit auch seine Blockade - in allerersten Stadien der Entwicklung greifen. Ein weiteres wichtiges Gen in diesem frühen Entwicklungsprozeß ist Oct4, ein Gegenspieler von Cdx2. Auch die Aktivität dieses Gens versuchen wir, künstlich zu regulieren.

Ärzte Zeitung: Welche anderen Methoden werden derzeit erforscht?

Schöler: Bei einem weiteren Verfahren, an dem wir arbeiten, versuchen wir, das genetische Programm adulter Zellen durch embryonale Stammzellen zu verjüngen. Wenn das klappen würde, wäre nur eine menschliche embryonale Stammzell-Linie notwendig, um aus ausdifferenzierten Zellen wieder pluripotente zu machen. Eine dritte Möglichkeit ist, Faktoren aus Eizellen und embryonalen Stammzellen zu isolieren, die für die Pluripotenz bedeutsam sind, und diese in adulte Zellen zu bringen. Wären diese Faktoren erst einmal bekannt, bräuchte man weder Eizellen noch Embryonen.

Ärzte Zeitung: Empfinden Sie die deutsche Gesetzgebung, die ja den Verbrauch von Embryonen verbietet und Forschung nur an solchen importierten humanen embryonalen Stammzellen erlaubt, die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden, als Hemmschuh für Ihre Forschung?

Schöler: Ich halte es für ganz wichtig, Forschung im gesellschaftlichen Konsens zu machen. Protestaktionen wie in früheren Jahren in Deutschland gegen die Gentechnik hat es als Folge der gesellschaftlichen Konsensfindung gegen die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen nicht gegeben. Wir suchen von uns aus den Dialog mit der Politik. Ich persönlich kann mit der deutschen Gesetzgebung leben, aber man muß natürlich auch praktikable Kompromisse finden. Es gibt schließlich nicht nur den - ethisch gebotenen - Embryonenschutz, es gibt auch eine Ethik des Heilens. So sollte es aus meiner Sicht möglich sein, Zellverbände herzustellen, die durch Kerntransfer entstehen.

Ärzte Zeitung: Sollten vor einer klinischen Anwendung des therapeutischen Klonens auf jeden Fall Versuche an Primaten gemacht werden?

Schöler: Es ist sehr schwierig, Primaten mit Hormonen zu stimulieren, um Eizellen zu gewinnen. Man sollte aber meines Erachtens humane Zellen, gleichgültig, ob im Zusammenhang mit adulter oder embryonaler Forschung, in einem Großtiermodell testen, bevor man diese auf Menschen überträgt. Manche Tests lassen sich mit Schweinen machen, aber es wird wohl auch notwendig sein, für ganz spezifische Krankheiten Versuche an Affen zu machen.

Zur Person

Professor Hans R. Schöler ist Biologe und Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, Abteilung Zell- und Entwicklungsbiologie, in Münster in Westfalen. Der Stammzell-Forscher ist im Herbst vergangenen Jahres in die Zentrale Ethik-Kommission für Stammzellenforschung (ZES) berufen worden. Schöler ist erst 2004 aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt, um seine Stammzell-Forschung hier fortzusetzen.

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