Ärzte Zeitung, 11.09.2006

HINTERGRUND

Mit Zellen aus dem Arm läßt sich Belastungsinkontinenz überwinden

Von Thomas Meissner

Der Innsbrucker Urologe Professor Hannes Strasser sorgt auf Kongressen immer wieder für Aufsehen: Denn mit einer recht einfach anmutenden Zelltherapie lassen sich Patienten mit Streßinkontinenz heilen - zumindest soweit man dies nach vier Jahren beurteilen kann.

Zuletzt hat Strasser beim diesjährigen US-Urologenkongreß AUA Aufmerksamkeit erregt - indem er neue Zahlen zum Erfolg seiner Zelltherapie vorgelegt hat. Denn inzwischen hat Strasser Erfahrungen mit über 270 Patienten, zwei Drittel davon Frauen, ein Drittel Männer, die er und seine Kollegen seit 2002 behandelt haben. Demnach liegen die Erfolgsraten für die Therapie bei Frauen mit Belastungsinkontinenz bei 93 Prozent und bei 73 Prozent bei Männern", sagte Strasser der "Ärzte Zeitung". Unerwünschte Wirkungen durch die implantierten Zellen seien bisher nicht aufgetreten.

Die Zellen werden sieben Wochen lang vermehrt

Und so funktioniert das Verfahren: Die österreichischen Urologen entnehmen in Lokalanästhesie eine Muskelbiopsie am Oberarm. Daraus werden im Labor Myoblasten und Fibroblasten isoliert und vermehrt. Das dauert sechs bis sieben Wochen. "Sobald die Zellzahl ausreichend ist, rufen wir die Patienten an und bestellen sie in die Klinik", sagte Strasser. Die körpereigenen Myoblasten werden dann transurethral und unter sonographischer Kontrolle in den Schließmuskel injiziert, die Fibroblasten in die Harnröhren-Mukosa. Die Myoblasten fangen an, sich vor Ort zu Muskelfasern umzubilden. Das soll die Kontraktilität des Sphinkters verbessern. Die Fibroblasten dienen dazu, die atrophe Harnröhren-Schleimhaut zu regenerieren.

      Für die neue Behandlungsform gibt es keine Altersbeschränkung.
   

Das ist wichtig, denn nicht nur der Muskel hält die Harnblase dicht, auch die Harnröhren-Schleimhaut. "Wenn die Schleimhaut atroph ist, kann auch bei gut funktionierendem Schließmuskel die Abdichtung nicht optimal sein", so Strasser. Nachuntersuchungen haben ergeben, daß sowohl die Dicke des Sphinkters als auch die Wanddicke der Urethra nach der Therapie signifikant zunehmen. Klinisch bemerken die Patienten nach vier bis sechs Wochen den Therapieerfolg. Das heißt für Strasser: Sie benötigen keine oder maximal eine Vorlage am Tag. Er geht davon aus, daß der Effekt jahrelang anhält: "Die ersten Frauen, die wir 2002 behandelt haben, sind nach wie vor alle kontinent und hochzufrieden."

Der Therapie-Erfolg ist bei Männern geringer

Die Tatsache, daß die Erfolgsraten bei Männern deutlich geringer sind als bei Frauen, erklärt sich aus der anderen Anatomie. Die Harnröhre ist länger und das Teilstück, wo die Zellen appliziert werden müssen, ist kürzer als bei Frauen. Daher ist es bei Männern etwas schwerer, die Zellen am richtigen Ort zu plazieren. Weitere Faktoren, die den Therapieerfolg einschränken oder verhindern können, sind Vernarbungen der Harnröhre, etwa nach transurethralen Prostata-Operationen, oder wenn eine Harndrang-Symptomatik besteht.

Vergleicht man die Ergebnisse der Zelltherapie mit den Resultaten nach Implantation von Kunststoffbändern bei Frauen (TVT - Tension-free Vaginal Tape), schneidet die Zelltherapie nach Strassers Angaben besser ab. So habe eine US-Studie mit 1500 Frauen, die ein solches Kunststoffband zur Stützung der Harnröhre implantiert bekommen hatten, ergeben, daß bei bis zu 40 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres erneut eine Op nötig wird, etwa wegen Drangbeschwerden, chronischer Schmerzen oder Harnverhalt.

Nach der Zelltherapie seien keine Schmerzen, keine Drangbeschwerden und keine Harnretention aufgetreten. "Es hat nie jemand nach Entlassung aus dem Spital jemals wieder einen Harnkatheter gebraucht", so Strasser. Der Eingriff sei auch deswegen sehr gut verträglich, weil er minimal-invasiv sei und kein körperfremdes Material genutzt werde. Daher bestehe keine Altersbegrenzung. Strasser: "Wir behandeln Patienten zwischen 35 und 85 Jahren." Aktuelle Daten stellt der Urologe am 21. September beim Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Hamburg vor.

In Deutschland wird der Eingriff jetzt am Klinikum rechts der Isar in München von Privatdozent Florian May vorgenommen. Indiziert sei die Therapie bei Männern und Frauen mit geringgradiger bis mäßiger Belastungsinkontinenz, sagt May. Ist die Sphinkterfunktion komplett ausgefallen, habe die Methode keinen Sinn mehr. Mit einer urodynamischen Untersuchung werden zuvor andere Inkontinenzformen wie Dranginkontinenz ausgeschlossen. Auch Frauen mit erheblichem Deszensus der Beckenorgane kommen für die Zelltherapie nicht in Frage.

Die Kosten der Therapie liegen derzeit bei etwa 12 000 Euro. In Österreich übernehmen dies bereits die Krankenkassen. In München werden die Patienten derzeit in Studien aufgenommen, so daß sie ebenfalls nichts zahlen müssen.

FAZIT

Mit körpereigenen Zellen aus der Oberarm-Muskulatur lassen sich bei zwei Drittel der Männer und über 90 Prozent der Frauen mit Streßinkontinenz die Beschwerden komplett beheben. Dabei ist offenbar kaum mit unerwünschten Wirkungen zu rechnen. Alles deutet darauf hin, daß der therapeutische Effekt über Jahre anhält.

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