Ärzte Zeitung, 04.12.2007

HINTERGRUND

Mutterglück mit 64 Jahren entfacht Diskussion über Für und Wider einer Eizellenspende

Von Ruth Ney

Der Ehemann (M) der Frau, die mit 64 Jahren ein Baby zur Welt gebracht hat, unterhält sich mit Journalisten vor der Geburtsklinik in Aschaffenburg.

Foto: dpa

Jedes sechste Paar in Deutschland wartet vergeblich auf Nachwuchs. Um doch noch ein Kind zu bekommen, setzen viele Frauen und Männer auf Medizin und Wissenschaft. Die meisten wählen dann den Schritt in Richtung künstliche Befruchtung mit eigenen Ei- und Samenzellen. Doch für Frauen, die nach einer Chemo- oder Strahlentherapie oder einer Eierstockoperation selbst keine Eizellen mehr produzieren können, ist auch dieser Weg versperrt. Das gleiche gilt für Frauen, die aufgrund ihres Alters keine befruchtungsfähigen Eizellen mehr bilden.

Bei einer 64-jährigen Frau aus Aschaffenburg war aber der Wunsch, ein eigenes Kind zu bekommen, so groß, dass sie auf die Möglichkeit einer Eizellenspende zurückgriff. Diese verbietet zwar das Embryonenschutzgesetz in der Bundesrepublik Deutschland, in einigen anderen Staaten ist es jedoch erlaubt. Die aus der Türkei stammende Frau hatte sich daher im Ausland die Eizelle einer jungen Frau einsetzen lassen, die zuvor mit den Spermien ihres ebenfalls 64-jährigen Ehemanns befruchtet worden war. Die Geburt ihres ersten, gesunden Kindes in einer Aschaffenburger Privatklinik hat nun die Diskussion über das Für und Wider und die Altersgrenze eine Eizellenspende entfacht.

Ulrich Hilland, Vorsitzender des Bundesverbandes der Reproduktionsmediziner (BRZ), kritisierte diesen Vorgang als Missbrauch des medizinischen Fortschritts. Der Nachrichtenagentur ddp sagte er, dass die Schwangerschaft einer 64-Jährigen nicht im Sinne des Kindeswohls sei. Ein Kind solle die Möglichkeit haben, das Erwachsenenalter mit Begleitung seiner Eltern zu erreichen. In Deutschland liege daher die Altersgrenze für eine reproduktionsmedizinische Behandlung bei 45 Jahren. Alles andere sei ethisch nicht vertretbar.

Der BRZ setzt sich dennoch dafür ein, dass außer der Samenspende auch die Eizellenspende in Deutschland zugelassen wird. "Doch dafür müssen eindeutige Rahmenbedingungen geschaffen werden", betonte Hilland. Dazu gehöre dann auch, dass die so gezeugten Kinder etwas über ihre Abstammung erfahren können.

Auch bei der Bundesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes, Paula Honkanen-Schoberth, stieß die Eizellenspende bei einer über 60-Jährigen auf Ablehnung. Sie hoffe, dass dies ein Einzelfall bleibe. "Wir warnen ausdrücklich davor, dass alles gemacht wird, was medizintechnisch möglich ist", sagte sie. Der individuelle Wunsch nach Glück dürfe nicht zur "selbstverständlichen medizinischen Aufgabe" werden. Im vorliegenden Fall seien die Eltern fast 80 Jahre alt, wenn ihre Tochter in die Pubertät komme. Auf das Kind komme dann auch wegen möglicher Hänseleien eine "unglaubliche Herausforderung" zu.

"Es gibt sicherlich Situationen, wo man auch positiv über eine Eizellenspende nachdenken kann, zum Beispiel bei jungen Frauen ohne Eierstöcke", räumte wiederum das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Klaus Diedrich aus Lübeck, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur ein. "Bei Frauen, die jenseits der natürlichen Empfängnis, also über 45 Jahre alt sind, sehe ich aber eine Eizellenspende kritisch", sagte der Frauenarzt.

Die Entscheidung der 64-jährigen Eheleute für ein Kind hält Diedrich für egoistisch. Auf die Frage, ob die Qualität des Samens wegen des vergleichsweise hohen Alters des Vaters beeinträchtigt sein könnte, sagte Diedrich: "Die Qualität der Samen ist nicht altersbedingt verschlechtert." Auch ein erhöhtes Risiko von Erbkrankheiten sei nicht zwingend gegeben, da die Eizellen von einer jungen Frau stammten. Allerdings sei es riskant, wenn die Spenderin wie im vorliegenden Fall nicht bekannt sei.

Volker von Loewenich vom Forum Ethik in der Medizin hält Eizellenspenden an ältere Frauen nicht für grundsätzlich verwerflich. "Verwerflich wird es aber, wenn man zum Beispiel die finanzielle Not von Eizellen-Spenderinnen in ärmeren Ländern ausnutzt", betonte er.

STICHWORT

Eizellenspende

In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz die Eizellenspende. In anderen Staaten wie den USA, Großbritannien oder Ungarn ist die Eizellenspende hingegen erlaubt. Die gespendete Eizelle wird in-vitro vom Samen des (Ehe-)Mannes befruchtet und anschließend seiner (Ehe-)Frau implantiert. Diese kann oft aufgrund einer Therapie oder Erkrankung keine eigenen Eizellen mehr produzieren. Die fremden Eizellen kommen fast immer von einer anonymen Spenderin, meist IVF-Patientinnen, die überschüssige Eizellen zur Verfügung stellen. Seit Kurzem gibt es auch Eizellendatenbanken, in denen Models ihre Eizellen zum Kauf anbieten. (run)

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