Ärzte Zeitung, 20.07.2006

Heilpflanzen-Paradies von Acker-Witwenblume bis Zaunrübe

Über 500 Pflanzen werden in der Arzneipflanzenanlage der Deutschen Homöopathie-Union angebaut / Oft genügen wenige Exemplare

Von Ursula Gräfen

Potentilla, Bryonia, Filipendula - Fingerkraut, Zaunrübe, Mädesüß: 70 Prozent der etwa 1600 Mittel, die die Deutsche Homöopathie-Union (DHU) in Karlsruhe herstellt, sind pflanzlich. Die meisten Pflanzen, die dafür gebraucht werden, baut das Unternehmen selbst an: in der Arzneipflanzenanlage Staffort bei Karlsruhe, die die DHU seit 1977 betreibt.

Hilft bei Magenbeschwerden: die Acker-Witwenblume (Knautia arvensis). Fotos: Ursula Gräfen

Zwischen 500 und 600 verschiedene Pflanzenarten werden in der 5,5 Hektar großen Anlage angebaut. Die Zahl schwankt immer ein wenig, denn in jedem Jahr legt die DHU neu fest, was kultiviert wird. "Das richtet sich nach den Produktionsvorgaben", erklärt DHU-Geschäftsführer Franz Stempfle.

Je nach Bedarf wird ein Kilo oder eine Tonne geerntet

In Staffort wachsen Gräser und Kräuter, Stauden und Bäume, sogar Wasserpflanzen wie die Seerose. Von manchen Pflanzen gibt es nur wenige Exemplare, denn für Homöopathika wird meistens nur wenig Ausgangsstoff gebraucht. Von anderen, die für die "Großen Mittel" verwendet werden, wie die Zaunrübe, gibt es entsprechend viele.

Hilft bei Wechseljahres-
beschwerden: die Silbertraubenkerze (Cimicifuga racemosa).

Nomen est omen: Das Herzgespann (Leonurus sibiricus) ist wirklich ein Herzmittel.

Wird gegen Verdauungs-
beschwerden eingesetzt: die Artischocke (Cynara scolymus).

Und wieder andere werden auf Feldern in der Umgebung angebaut. "Wir ernten stets abhängig vom Bedarf. Es können mal nur drei, vier Pflanzen sein, zwei Kilo oder gar eine Tonne, zum Beispiel bei Calendula", sagt Stempfle.

In Staffort gibt es nicht nur bekannte Heilpflanzen wie den Roter Fingerhut oder das Johanniskraut. Hier werden auch ganz normale Feld-Wald-und-Wiesen-Blumen wie die Wegwarte oder die Distel mit dem schönen Namen Flachblättriger Mannstreu angebaut, Küchenkräuter wie Liebstöckel oder Borretsch, Gemüsepflanzen wie Buschbohnen oder Zwiebeln. Alle werden in der Homöopathie gebraucht.

Ein Beet voller Prachtscharten. Eine Indikation für Liatris spicata ist Wassersucht. Leuchtendes Johanniskraut: Als Homöopathikum hilft Hypericum perforatum bei Schmerzen nach Verletzungen.

Die Homöopathen kennen auch keine "Unkräuter". "Den Begriff Unkraut gibt es bei uns nicht", sagen die DHU-Gärtner. "Bessere Begriffe sind Beikraut oder Pflanze am falschen Ort." Brennesseln oder Weißklee etwa seien wertvolle Arzneipflanzen, folgerichtig werden sie in Staffort nach allen Regeln der Kunst angebaut.

Bei einigen Pflanzen weist schon der Name auf die Indikation hin - "nomen est omen": Das Herzgespann ist ein Kardiakum, das Leberblümchen ein Hepatikum, und der Wurmfarn hilft gegen Würmer. Das nicht sehr angenehm riechende Wanzenkraut vertreibt Wanzen - was auch der botanische Name ausdrückt: Cimicifuga kommt von "Cimex", die Wanze, und "fuga", die Flucht. Meist wird die Pflanze mit den eleganten weißen Blütenrispen heute aber "Silbertraubenkerze" genannt, auch die Indikation ist eine andere: Wechseljahresbeschwerden.

Mit Wasserhyazinthe (Eichhornia crassipes): Pedro Kußmann, Leiter der Arzneipflanzenanlage. Heilpflanzenanbau ist harte Arbeit: Hier wird Beikraut im Lavendel entfernt.

Hinreißende Namen habe viele der Pflanzen hier in Staffort: Gottesgnadenkraut, Hiobsträne, Schwalbenwurz, Tausendgüldenkraut. Manches hört sich an wie aus Märchen, dazu kommt der intensive Duft der Kräuter, das Summen der vielen Bienen und Hummeln - und man vergißt ganz, daß es in diesem Pflanzenparadies um harte Arbeit geht.

Geerntet wird von Hand, hier der Gemeine Wolfstrapp (Lycopus europaeus).

Bei Pflanzen für Arzneien muß jede Phase dokumentiert werden. Das macht Heilpflanzenanbau zum einem großen Aufwand. Alle Pflanzen, die in Staffort gedeihen können, werden auch hier angebaut, wo man alles kontrollieren kann. Die Pflanzen werden in Gewächshäusern ausgesät, vorkultiviert bis zu einer bestimmten Größe, dann langsam ans Licht gewöhnt und schließlich ins Freiland gepflanzt. Exotische Pflanzen wie der Granatapfelbaum oder die Königin der Nacht, die es tropisch heiß lieben, bleiben in Gewächshäusern.

In der Arzneipflanzenanlage wird rein ökologisch gearbeitet, sie ist auch zertifiziert. Es werden keine Pestizide, keine Herbizide und kein Kunstdünger eingesetzt. Diese Bedingungen gelten auch im Umfeld, damit vom Wind nichts hereingeweht werden kann. Gegen Schädlinge wird natürlich vorgegangen.

Kartoffelkäfer etwa werden von Hand abgelesen, Blattläusen rückt man mit einem kräftigen Wasserstrahl zu Leibe. Wird man der Schädlinge nicht Herr, werden Pflanzen zurückgeschnitten - so können ganze Ernten verloren gehen. In den Gewächshäusern fressen chinesische Wachteln und indische Brillenvögel die Schädlinge ab.

Frisches Pflanzenmaterial wird zur Urinktur verarbeitet

Für Homöopathika werden nur frische Pflanzen verwendet. Welche Teile gebraucht werden, ob Wurzel, blühendes Kraut oder Rinde, ist im Homöopathischen Arzneibuch festgelegt. Für die Ernte sollten die Pflanzen trocken sein. Außerdem wird morgens geerntet, wenn die Pflanzen noch Kraft haben und von der Sonne noch nicht zu sehr beansprucht sind.

Die frisch geernteten Pflanzen werden sofort zur DHU gebracht. Bevor sie zur Urtinktur weiterverarbeitet werden, werden sie erst noch einmal auf Identität überprüft: Ist das wirklich Digitalis lutea, oder ist es Digitalis lanata? Dazu gibt es eine Extra-Abteilung, die Pharmakognosie. Obwohl die Pflanzen aus Staffort keine Rückstände aufweisen können, wird auch das kontrolliert.

Dann wird das Pflanzenmaterial in einem Cutter zerkleinert und in Alkohol-Wasser angesetzt. Dieses Gemisch muß eine Weile stehen. Dann wird abgepreßt - und die Urtinktur ist fertig. Diese wird weiterverarbeitet zu den unterschiedlichen Potenzen und Darreichungsformen.

Übrigens: Die Preßrückstände kommen zurück nach Staffort - sie dienen als Dünger. So schließt sich der Kreis der Natur.

STICHWORT

Sonderanfertigungen

Zwei Prozent der Mittel, die die Deutsche Homöopathie-Union herstellt, sind sogenannte "S-Mittel": Sonderanfertigungen. "Wir produzieren ab ein Stück pro Jahr", erklärt DHU-Geschäftsführer Franz Stempfle. "Wenn ein Arzt in Deutschland ein Mittel in einer spezifischen Potenz braucht, dann stellen wir das in einer Sonderanfertigung her." Die DHU hat einen Mitarbeiter, der sich ausschließlich darum kümmert, schwer beschaffbare Ausgangsstoffe zu besorgen. Handelt es sich um eine Pflanze, wird sie in Staffort angebaut, wenn klimatische Bedingungen und Bodenbechaffenheit das erlauben. "Wenn sie bei uns im Sortiment ist, würden wir auch eine einzelne Pflanze für ein S-Mittel kultivieren. Damit leisten wir einen großen Beitrag dazu, daß die Homöopathie in ihrer Vielfalt und ihrem großen Sortimentbreite erhalten bleibt. Das ist, was Hahnemann will: für jeden einzelnen Menschen in seiner Konstitution, in seiner Situation, mit seiner Erkrankung das passende Mittel, das Simile." Die DHU fühlt sich der Homöopathie verpflichtet. "Wir machen das seit fast 140 Jahren. Und das gehört mit dazu." (ug)

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