Homöopathie in der Geriatrie - Erfahrungen eines Kollegen

BERLIN (gvg). Das Klischee kennt jeder: Schulmediziner nehmen sich fünf Minuten für die Anamnese. Homöopathische Ärzte dagegen machen eine Erstanamnese von zwei Stunden. Unvereinbar im Alltag? Nicht unbedingt, sagt zumindest der Internist Dr. Michael Teut.

Veröffentlicht:

Zwei Jahre lang hat der inzwischen in einem großen Medizinischen Versorgungszentrum in Berlin niedergelassene Arzt an den Kliniken Essen-Mitte geriatrische Patienten internistisch und homöopathisch betreut. Über seine Erfahrungen mit insgesamt 122 Patienten, die er auch homöopathisch therapierte, berichtete Teut auf dem Charité Fortbildungsforum - Deutscher Ärztekongreß in Berlin.

Die wichtigsten Indikationen für eine homöopathische Begleittherapie waren neurologische Probleme (33 Prozent), kardiologische Erkrankungen (12 Prozent) sowie psychische Störungen einschließlich Demenz (13 Prozent). Verwendet worden seien vor allem Homöopathika in Niedrigpotenzen, so Teut. Anders als Hochpotenzen, bei denen sich durch sehr hohe Verdünnungsstufen in den Zubereitungen praktisch keine Wirksubstanz mehr nachweisen läßt, sind Niedrigpotenzen weniger stark verdünnt.

"Eingesetzt habe ich etwa Acetum phosphoricum, das bei Erschöpfungszuständen gute Dienste leistet", gab Teut ein Beispiel für eine der häufigeren Verordnungen. Ebenfalls wiederholt verschrieben hat er Zincum valerianicum bei psychomotorischer Unruhe, Sulfur bei Durchfällen, Arnica bei Hämatomen und Conium bei Drehschwindel. Die Therapie-Erfolge hätten mitunter auch skeptische Kollegen beeindruckt.

Teut plädierte in Berlin für eine pragmatische Herangehensweise an die Homöopathie im internistischen Alltag. Für die in der klassischen Homöopathie üblichen, stundenlangen Gespräche hat auch er nicht die Zeit. Er orientiert sich bei der Substanzwahl deswegen an Haupt- und Nebensymptomen, die sich aus der schulmedizinischen Erstanamnese der meist multimorbiden geriatrischen Patienten ergeben.

Aus diesen Symptomen arbeitet er die für die homöopathische Substanzwahl wichtigen, charakteristischen Zeichen heraus, die in der homöopathischen Literatur jeweils geeigneten Substanzen zugeordnet sind. "Wenn zum Beispiel an verschiedenen Körperstellen brennende Symptome auftreten, dann könnte Brennen ein solches Zeichen sein", erläuterte Teut.

Auch Krämpfe wären ein solches Zeichen, wobei die Homöopathie darunter durchaus schulmedizinisch divergierende Probleme wie Zuckungen, Harnleiterkoliken oder Asthmabeschwerden versteht. Entscheidend ist demnach, den für die Homöopathie richtigen Überbegriff zu finden.

Kollegen, die ihr therapeutisches Arsenal um die Homöopathie ergänzen wollen, empfahl Teut, nur dann ein Homöopathikum zu verschreiben, wenn sie sich in Einordnung der Beschwerden und Auswahl der Substanz sicher sind. Bei Zweifeln sollte lieber auf die Verschreibung verzichtet werden, so Teut. Wer in einer Klinik homöopathisch arbeiten möchte, sollte sich das Einverständnis des Chefs holen. "Es geht nur, wenn der Chef dahinter steht."



STICHWORT

Potenzen

In der Homöopathie gilt: Eine Substanz wirkt um so spezifischer und stärker, je mehr verdünnt und verschüttelt sie ist. Geläufig sind Dezimalpotenzen (D) und Centesimalpotenzen (C). Zunächst wird eine Substanz in Wasser oder Alkohol gelöst (Urtinktur). Für D-Potenzen wird ein Tropfen Urtinktur mit neun Tropfen 40prozentiger Alkohol-Wasserlösung verdünnt und zehnmal verschüttelt (D 1). Ein Tropfen D 1, verdünnt mit neun Tropfen 40prozentiger Alkohol-Wasserlösung und zehnmal verschüttelt, ergibt D 2. Für C-Potenzen wird mit 99 Tropfen Alkohol-Wasserlösung verdünnt und verschüttelt.

Im Gegensatz zu den geringen Verdünnungen (Niedrigpotenzen) enthalten Hochpotenzen (über D 24 und C 12) keine Moleküle der Substanz mehr. Die Wirkung der Hochpotenzen wird der spezifischen Arznei-Energie zugeschrieben, die durch das Verschütteln auf die Alkohol- Wasserlösungen übertragen wurde. (eb)

Mehr zum Thema

Überraschender Parteitagsbeschluss

Grünen-Parteitag wendet sich gegen Globuli auf Krankenkassen-Kosten

Das könnte Sie auch interessieren
Innovationsforum für privatärztliche Medizin

© Tag der privatmedizin

Tag der Privatmedizin 2025

Innovationsforum für privatärztliche Medizin

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, hofft, dass das BMG mit der Prüfung des Kompromisses zur GOÄneu im Herbst durch ist (Archivbild).

© picture alliance / Jörg Carstensen | Joerg Carstensen

Novelle der Gebührenordnung für Ärzte

BÄK-Präsident Reinhardt: Die GOÄneu könnte 2027 kommen

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

© Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH
Medizinischer Infusions-Tropf mit buntem Hintergrund

© Trsakaoe / stock.adobe.com

Hochdosis-Therapie

Vitamin C bei Infektionen und Long-COVID

Anzeige | Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH
Maximale Vitamin-C-Blutspiegel nach oraler (blau) und parenteraler (orange) Tagesdosis-Gabe.

© Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH

Vitamin-C-Infusion

Parenterale Gabe erzielt hohe Plasmakonzentrationen an Vitamin C

Anzeige | Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Abb. 2: Schneller Wirkeintritt von Naldemedin im Vergleich zu Placebo in den Studien COMPOSE-1 und COMPOSE-2

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [15]

Opioidinduzierte Obstipation

Selektive Hemmung von Darm-Opioidrezeptoren mit PAMORA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Viatris-Gruppe Deutschland (Mylan Germany GmbH), Bad Homburg v. d. Höhe
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Was tun, wenn Unterzucker nicht bemerkt wird?

Lesetipps
Eine Figur steht in einem Irrgarten.

© imaginando / stock.adobe.com

Kasuistik

Patient mit juckendem Ausschlag: Irrwege bis zur richtigen Diagnose

Nur noch Kerzen erleuchten die Fenster eines Wohnhauses in Berlin. Nach dem Brand einer Kabelbrücke sind im Südwesten tausende Haushalte und Betriebe ohne Strom.

© Carsten Koall/dpa

Update

Praxen im Südwesten betroffen

Wieder Stromausfall in Berlin: Kollege Sommer berichtet von seinen Erfahrungen