Ärzte Zeitung, 13.06.2007

Hexenpflanzen und brennende Büsche

In der Arzneipflanzenanlage der DHU werden über 500 Heilkräuter für Homöopathika angebaut

KARLSRUHE. Engel sollen sie als Heilmittel zur Erde gebracht haben: Die Engelwurz galt im Mittelalter als eines der wichtigsten Heilkräuter. Und noch heute ist Angelica archangelica ein wichtiges homöopathisches Arzneimittel und wird gegen Magenbeschwerden eingesetzt. Die Pflanze ist eine von über 500, die in der Arzneipflanzenanlage der Deutschen HomöopathieUnion (DHU) in Staffort bei Karlsruhe angebaut werden. Viele sind wie die Engelwurz alte Medizinpflanzen, um die sich Mythen und Legenden ranken.

Von Ursula Armstrong

Von den etwa 1400 Arzneimitteln, die die DHU im Programm hat, sind zwei Drittel pflanzlich. Und wiederum etwa die Hälfte der verschiedenen Pflanzen baue das Unternehmen in Staffort selbst an, erklärt Dr. Birgit Weiß von der DHU bei einer Führung durch die Anlage. Dabei erzählt sie nicht nur von den botanischen Details der Pflanzen und ihren Indikationen. Vor allem kennt sie viele Geschichten zu den alten Heilpflanzen. So verdankt die Mariendistel (Silybum marianum), ein wichtiges Mittel gegen Leber- und Gallenerkrankungen, ihren Namen einer Legende. Weiß erzählt: "Maria stillte das Jesuskind. Zu ihren Füßen wuchs diese Distel. Ein paar Tropfen Milch fielen auf die Blätter und verliefen dort. Seitdem hat die Mariendistel ihre charakteristische Blattfärbung mit den weißen Streifen."

Tollkirschen waren ein Bestandteil von Hexensalben

In der Arzneipflanzenanlage findet man auch alte Hexenpflanzen wie die Tollkirsche (Atropa belladonna), eines der großen homöopathischen Arzneimittel, vor allem bei Fieber. Dieses Nachtschattengewächs war Bestandteil der so genannten Hexensalben, mit denen sich die Hexen den Körper eingerieben haben sollen, um fliegen zu können. Die Pflanzen sind stark giftig und wirken halluzinogen - "daher kamen wohl diese Visionen zu fliegen", so Birgit Weiß.

Zu den Hexenpflanzen gehört auch die Alraune (Mandragora officinarum). Ihre Wurzel hat eine menschenähnliche Form. Im Mittelalter wurde der Alraune nachgesagt, dass ihre Wurzel so sehr schreit, wenn man sie aus dem Boden zieht, dass Menschen sofort tot umfallen ("Harry-Potter"-Fans wissen das aus Band und Film zwei). Doch da die Wurzel als Aphrodisiakum und unfehlbares Heilmittel gegen Unfruchtbarkeit sehr geschätzt wurde, musste sie trotz der vermeintlichen Lebensgefahr geerntet werden. Zeichnungen in mittelalterlichen pharmazeutischen Büchern zeigten etwa, dass man dazu die Pflanze mit einem Seil an einen Hund gebunden hat, der dann die Wurzel rausziehen musste, erzählt Birgit Weiß. Mandragora wird heute in der Homöopathie bei Reizbarkeit und Depressionen, aber auch bei Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt.

Von einigen Pflanzen weiß man, dass sie sogar schon im Altertum als Heilmittel verwendet wurden. Besonders interessant ist da eine weitere: der Schierling (Conium maculatum). Seine Anwendung in der Medizin geht auf das erste Jahrhundert nach Christus zurück: Der griechische Arzt Dioskorides setzte die sehr giftige Pflanze äußerlich zur Behandlung bei Herpes und Wundbrand ein.

Doch der Schierling hat bekanntlich noch eine andere Geschichte: Im alten Athen war Tod durch Vergiften eine Exekutionsmethode. Das berühmteste Opfer war Sokrates, der aus dem Schierlingsbecher trinken musste. "Im Grunde ist das die erste Arzneimittelprüfung der Geschichte", sagt Birgit Weiß. Denn in der Homöopathie werden die Mittel - allerdings verdünnt - an Gesunden geprüft. Die auftretenden Symptome gelten als "Leitsymptome" des homöopathischen Mittels. Bei Schierling gehört die aufsteigende Lähmung zu den typischen Zeichen - so wie sie auch Platon bei Sokrates beschrieben hat. Entsprechen wird er in der Homöopathie bei aufsteigender Schwäche in den Extremitäten bis hin zur Lähmung eingesetzt. Zudem gilt Conium als Konstitutionsmittel, das etwa bei geistiger und körperlicher Schwäche von alten Menschen, Schwindel, Koordinationsstörungen oder zittrigem Gang hilft.

Für einige Pflanzenmythen haben Botaniker eine Erklärung

Für einige Mythen gibt es inzwischen auch rationale Erklärungen. So nehmen Botaniker heute an, dass der hübsche Weiße Diptam (Dictamnus albus), ein homöopathisches Wurmmittel, der brennende Dornbusch war, den Moses gesehen hat. Die Pflanze hat zwar keine Dornen, sie kann aber in Flammen aufgehen, und sie wächst auch in Palästina. Der Diptam dünstet ätherische Öle aus. "An heißen Tagen hat die Pflanze eine richtige Wolke um sich, die sich entzünden kann, und das kommt auch immer mal wieder vor", sagt Birgit Weiß. Im Beet in Staffort warnt denn auch ein Schild: "Pflanze ruft Verbrennungen hervor!"

Für Homöopathika werden nur frische Pflanzen verwendet

Seit 1976 baut die Deutsche Homöopathie-Union (DHU) in Staffort bei Karlsruhe Arzneipflanzen für die Herstellung von Urtinkturen an. In der etwa 5,5 Hektar großen Anlage wachsen um die 550 verschiedene Pflanzenarten. Für die Homöopathie werden oft nur geringe Mengen gebraucht. Eine Pflanzenreihe kann dann schon den Jahresbedarf decken. Pflanzen wie Calendula oder Echinacea dagegen, von denen große Mengen für die Produktion gebraucht werden, werden auf Feldern im Umkreis angebaut.

Die DHU hat etwa 1400 Arzneimittel im Programm. Zwei Drittel sind pflanzlich. Die Hälfte der benötigten Pflanzen werden in Staffort angebaut. So kann alles optimal kontrolliert und dokumentiert werden.

Die Anlage ist ein ökologisch zertifizierter Betrieb. Es werden keine Pestizide oder Insektizide benützt, und es wird mit Kompost gedüngt.

Für Homöopathika werden nur frische Pflanzen verwendet. Welche Teile gebraucht werden, ob Wurzel, Rinde oder blühendes Kraut, ist im Homöopathischen Arzneibuch festgelegt. Die frisch geernteten Pflanzen werden direkt zur DHU nach Karlsruhe gebracht. Das Pflanzenmaterial wird zerkleinert und in Alkohol-Wasser angesetzt. Dieses Gemisch muss eine Weile stehen. Dann wird abgepresst - die Urtinktur ist fertig. Sie wird dann zu den unterschiedlichen Potenzierungen und Darreichungsformen weiterverarbeitet. (ug)

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