Ärzte Zeitung, 22.11.2006

HINTERGRUND

Naturmedizin auf Kosten der Natur - Konzepte zum Schutz von wildwachsenden Heilpflanzen weltweit

Von Hans-Christian Wöste

Bedrohte Spezies: die Teufelskralle. Das Bundesamt für Naturschutz unterstützt in Namibia ein Projekt zum Schutz der Pflanzen. Foto: Göbel

Mit dem feuchtkalten Herbstwetter haben Arthrose-Patienten Probleme. Zur Linderung ihrer Beschwerden greifen viele Betroffene zu Medikamenten aus der afrikanischen Teufelskralle. Die Mittel stammen aus den getrockneten und kleingehackten Knollen der Pflanze, die in Südafrika, Botswana und Namibia meist von Buschmännern, den San, gesammelt werden.

In den vergangenen Jahren war die Nachfrage derart groß, daß die Teufelskralle in manchen Regionen bedroht ist. Unterstützt vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat daher das "Centre for Research Information and Action in Africa" in Namibias Hauptstadt Windhuk ein Konzept zum Schutz der Apotheke Natur erarbeitet. Das Programm wird in Namibia gemeinsam mit den San umgesetzt.

Übernutzung führt zum Verlust einer Einnahmenquelle

"Wir unterstützen die San dabei, eine nachhaltige Nutzung zu organisieren", sagt BfN-Mitarbeiter Uwe Schippmann. Die Buschmänner selbst nutzen die Teufelskralle schon lange als Medizin. In der Vergangenheit hätten sie nicht mehr Pflanzen geerntet, als nachgewachsen seien. Der steigende Bedarf in Europa und eine veränderte Lebensweise hätten die Teufelskralle zu einer wichtigen Einnahmequelle für die San gemacht: Inzwischen sammelten sie deutlich mehr Pflanzen. Und das alte Wissen über nachhaltige Erntemethoden drohe verlorenzugehen, sagt Schippmann.

"Eine Übernutzung führt langfristig zum Verlust der wichtigsten Einnahmequelle und eines Teils der Gesundheitsversorgung der San", fürchtet er. Doch auch Menschen in Industrieländern wie Deutschland verlören ein wichtiges Heilmittel gegen Arthrose. Zwar ist die Wirkung der Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) nicht bis ins Detail geklärt. Jedoch kam eine Überprüfung der Cochrane Library für evidenzbasierte Medizin zu dem Schluß, das Mittel scheine "Schmerzen im unteren Rücken zumindest bei kurzfristiger Einnahme besser zu lindern als unwirksame Scheinmedikamente".

Das "Centre for Research Information and Action in Africa" beriet das Problem mit Buschmännern, die noch das Wissen ihrer Vorfahren - Jäger und Sammler der Kalahari-Halbwüste - besitzen. Gemeinsam entwickelten sie nachhaltige Erntemethoden. So soll künftig nicht mehr Teufelskralle gesammelt werden, als nachwachsen kann.

Doch die Teufelskralle ist nur ein Beispiel von vielen. Denn nicht nur um diese Heilpflanze steht es schlecht: Laut Weltnaturschutzunion (IUCN) sind etwa 15 000 der weltweit 50 000 bis 70 000 genutzten Heilpflanzenarten gefährdet. Die aus ihnen gewonnenen Mittel sind für viele Menschen in wirtschaftlich schwächeren Regionen der Erde oft die einzig verfügbaren Medikamente. Aber viele Pflanzen werden auch nach Europa importiert. Deutschland sei in Europa die Nummer eins unter den Nutzern von Heilpflanzen, so der WWF. Und es sind auch nicht nur Wildpflanzen in Entwicklungsländern gefährdet.

Wilder Thymian zum Beispiel wird in der Türkei und in Spanien in großen Mengen gesammelt. Im Südosten Spaniens etwa wurden nach Angaben des WWF mit Maschinen jährlich Millionen von Thymianbüschen mit Wurzeln ausgerissen. Dieser Raubbau bedrohe nicht nur den Bestand der Pflanze, sondern beschleunige auch die Bodenerosion. Und das bedeute im niederschlagärmsten Gebiet Spaniens eine große Gefahr für das gesamte Ökosystem.

Internationale Standards sollen erprobt werden

Ein Instrument zum Schutz dieser Pflanzen ist der Internationale Standard zur nachhaltigen Wildsammlung von Heilpflanzen. Das BfN hat ihn gemeinsam mit dem WWF Deutschland und der IUCN entwickelt. Darin empfehlen die Naturschützer unter anderem, wie viel von welcher Pflanze im Idealfall geerntet werden soll. Nun sollen die Vorgaben in verschiedenen Regionen der Welt erprobt werden.

Die Internationale Naturschutzakademie (INA) auf der deutschen Ostseeinsel Vilm unterstützt bereits seit Gründung der Initiative im Jahr 2004 die Entwicklung des Heilpflanzenstandards. Hier trafen sich kürzlich führende Spezialisten aus aller Welt. Sie diskutierten Methoden zur Einschätzung nachhaltiger Erntemengen. Wolfgang Kathe, Artenschutzexperte der Bremer Manfred-Hermsen-Stiftung, sagt: "Der Standard wird nur dann effektiv umgesetzt werden, wenn er den Menschen vor Ort direkt oder indirekt wirtschaftliche Vorteile bringt."

International ist der Handel mit Heilpflanzen etwa für China, Nepal oder Südosteuropa ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In Europa gilt Deutschland als zentrale Drehscheibe. BfN-Experte Schippmann sagt: "Dies verpflichtet Deutschland zu besonderen Anstrengungen zum Erhalt von Heilpflanzen und ihrer Lebensräume." (dpa/ug)

STICHWORT

Bedrohte Heilpflanzenarten

  • Mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 45 000 Tonnen Heilpflanzen pro Jahr ist Deutschland nach Angaben des WWF im europäischen Vergleich Spitzenreiter.

  • Weltweit steht Deutschland sowohl beim Import als auch beim Export an vierter Stelle.

  • Etwa 80 Prozent der weltweit für medizinische Zwecke verwendeten Pflanzenarten stammen aus Wildsammlungen.

  • In Europa werden fast 2000 Pflanzenarten medizinisch verwendet, von denen gut 1200 einheimische Arten sind.

  • 150 dieser europäischen Heilpflanzenarten sind in zumindest einem ihrer Herkunftsländer bedroht. (ug)

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