Ärzte Zeitung, 02.02.2004

Einige Forscher sagen nachts hellen Lampen ade

Das Brustkrebsrisiko nimmt seit Jahrzehnten zu. Umweltmediziner sind jetzt einer ungewöhnlichen Erklärung auf der Spur: Womöglich ist zuviel Nachtlicht schuld.

Von Thomas Weidenbach und Sarah Zierul

Schwaches gelbes Licht steht nicht im Verdacht, Krebs zu fördern. Foto: dpa

FARMINGTON. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, griff Richard Stevens früher zu einem guten Buch. Im Schein der Nachttischlampe fielen ihm die Augen bald zu. Heute wälzt sich der Krebsforscher lieber im Dunkeln hin und her, bis der Schlaf zurückkommt. Selbst beim nächtlichen Gang auf die Toilette rührt er keinen Lichtschalter mehr an. Im Bad strahlen ihm weder Leuchtstoffröhren noch Glühbirnen ins Gesicht.

Stevens scheut nachts das Licht wie ein Vampir die Sonne - aus Sorge um die eigene Gesundheit. Der Mediziner arbeitet an der Universität von Connecticut und gilt als einer der angesehensten Epidemiologen in den Vereinigten Staaten. Seit nunmehr 16 Jahren geht er einem beunruhigenden Verdacht nach: Er vermutet, daß Licht im Laufe der Nacht das Hormonsystem des Menschen durcheinanderbringt und so die Zunahme bestimmter Krebsarten verursachen könnte.

Licht und Krebs? Den Zusammenhang mochten viele seiner Kollegen zunächst nicht glauben, als Stevens seine Hypothese 1987 erstmals zur Diskussion stellte. Die Reaktionen pendelten zwischen Skepsis und Ablehnung. Doch selbst Kritiker mußten zugeben, daß ein neuer Ansatz in der Krebsforschung geboren war.

Auf den Plan hatten Stevens damals die unerklärlichen Steigerungsraten von Brustkrebsfällen gerufen. In den vergangenen 50 Jahren hat die für Frauen gefährlichste aller Krebsformen stark zugenommen - allein in den Vereinigten Staaten um ein bis zwei Prozent jährlich. Diagnose und Behandlung haben sich zwar verbessert, doch Jahr für Jahr erkranken weltweit eine Million Frauen an Brustkrebs. Das Risiko ist allerdings ungleich verteilt. In den Industriestaaten liegt es fünfmal höher als in der Dritten Welt.

"Was könnte in unserer industrialisierten Umwelt die Ursache dafür sein?" lautete Stevens’ Frage. Zunächst verdächtigten er und seine Kollegen unsere fettreiche Ernährung. Eine andere Vermutung zielte auf angeblichen Elektrosmog. Aber nach mehreren großangelegten Untersuchungen mit Brustkrebspatientinnen steht für Stevens heute fest: Elektromagnetische Felder in Privatwohnungen haben mit Brustkrebs nichts zu tun. Und auch Fast food und Sahnetorte wirken sich kaum auf das Brustkrebsrisiko aus.

Auf den möglichen Zusammenhang zwischen Licht und Krebs brachte den Forscher das körpereigene Hormon Melatonin. Es wird vor allem nachts gebildet, wenn es dunkel ist. Das sogenannte Schlafhormon gilt als einer der Schlüssel zur inneren Uhr des Menschen, die unseren Tag- und Nachtrhythmus steuert.

Trifft Licht auf die Netzhaut, wird die Information an das Gehirn weitergegeben, das der Zirbeldrüse dann signalisiert, weniger Melatonin auszuschütten: Viel Licht bedeutet also wenig Melatonin, Dunkelheit viel Melatonin. Das Schlafhormon wiederum steht in Wechselwirkung mit anderen Hormonen. Genau darin sieht Stevens den Ansatz einer Erklärung für das erhöhte Krebsrisiko: "Wird wenig Melatonin gebildet, steigt der Östrogenspiegel - und wir wissen, daß Östrogene eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Brustkrebs spielen."

Blinde Frauen haben seltener Mammatumoren als sehende

Aber wie läßt sich die Lichthypothese beweisen? Wie können die komplizierten Wechselwirkungen im Hormonsystem konkret nachgewiesen werden? Stevens folgte zunächst seinem gesunden Menschenverstand und zäumte das Pferd von hinten auf: Wenn seine Melatonin-These stimmt, dann müssen Menschen, die nicht sehen können, seltener an Brustkrebs leiden.

Auf Anregung des Forschers überprüften amerikanische und skandinavische Kollegen akribisch die vorhandenen statistischen Daten über das Vorkommen von Brustkrebs bei blinden Frauen. Tatsächlich erkranken sie nur etwa halb so oft an Brusttumoren wie sehende. Naheliegende Schlußfolgerung: Was für Blinde zutrifft, müßte auch für Menschen gelten, die an dunklen Orten leben. Deutsche Mediziner durchstöberten daraufhin die vorliegende Literatur über das Krebsrisiko bei Eskimos. Die haben tatsächlich höhere Melatoninwerte und erkranken deshalb seltener an Brust- und Prostatakrebs.

Thomas Erren, Assistent am Institut für Arbeits- und Umweltmedizin der Universitätskliniken Köln, hat die Eskimostudie gemacht. Auf Stevens’ Theorie war er während früherer Forschungsaufenthalte an der Universität Berkely gestoßen. Dabei reagierte auch er zunächst mit Kopfschütteln: In seinen eigenen Forschungen ging er Elektrosmog als möglicher Krebsursache nach. Doch seitdem dieser als Faktor nahezu ausgeschlossen werden kann, ist er auf Stevens’ Kurs eingeschwenkt.

Für dessen These beginnen sich inzwischen immer mehr Wissenschaftler zu interessieren. Thomas Erren hat - gemeinsam mit Claus Piekarski, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin - bereits zwei internationale Symposien über "Licht und Krebs" gemacht. Außer Stevens und seinen Anhängern waren jedesmal ausdrücklich auch Kritiker dazu eingeladen. Trotzdem bestand Konsens, so Erren, "daß von den vielen Risikofaktoren Licht ein sehr wichtiger Kandidat ist - ein Faktor, dem wir alle ständig ausgesetzt sind."

An der Harvard Medical School, einer Hochburg der medizinischen Forschung in den Vereinigten Staaten, wurde die Melatonin-These einer weiteren Prüfung unterzogen. Dort arbeitet die österreichische Ärztin Eva Schernhammer an einer der bedeutendsten statistischen Datensammlungen der Welt, der sogenannten "Nurses’ Health Study".

Im Archiv der Universität lagern medizinische Daten aus fast drei Jahrzehnten: Fragebögen, die 120 000 amerikanische Krankenschwestern jedes Jahr ausfüllen. Insgesamt zehn Millionen Blatt Papier, die in vielen Details Auskunft geben über Leben, Arbeit, Familie, Ernährung - und Krebs. Stevens hatte den Einfall, die Krankenschwestern auch zu Nachtdiensten befragen zu lassen.

Dahinter steckte folgende Annahme: Nachtschwestern arbeiten zu einer Zeit, in der normalerweise im Körper am meisten Melatonin produziert wird. Sollte Stevens’ Vermutung stimmen, würde das Hormon aufgrund des künstlichen Lichts unterdrückt und das Hormonsystem der Nachtschwestern durcheinandergebracht. Ein erhöhtes Krebsrisiko wäre die Folge.

Krankenschwestern mit viel Nachtarbeit haben oft Brust-Ca

Schernhammer hat die Ergebnisse der Befragung ausgewertet und im Journal of the National Cancer Institute veröffentlicht: Je öfter die Krankenschwestern nachts arbeiten, desto häufiger erkranken sie an Brustkrebs. Haben die Schwestern 30 Jahre lang mindestens dreimal im Monat Nachtdienst geleistet, ist ihr Risiko um 36 Prozent erhöht. Ähnliche Studien in Seattle und Dänemark konnten den Verdacht inzwischen weiter untermauern, mit zum Teil noch deutlicheren Zahlen. Sie gehen bei mehrmaligem Nachtdienst pro Woche von einem um bis zu 60 Prozent höheren Krebsrisiko aus.

"Als die Ergebnisse der ‚Nurses’ Health Study‘ veröffentlicht wurden, war ich erschrocken und erleichtert zugleich", erzählt Stevens. "Denn diese Studie gilt als sehr zuverlässig und aussagekräftig." Doch als Beweis für seine These reicht ihm das noch nicht aus: "Frauen, die Nachtschichten arbeiten, unterscheiden sich vielleicht auch noch durch andere Dinge von Leuten mit normalen Arbeitszeiten. Wir wissen also noch nicht sicher, ob wirklich das Licht bei Nacht die Ursache ist."

Um der Lösung noch näher zu kommen, verbringen Medizinstudenten an der Thomas-Jefferson-Universität in Philadelphia schlaflose Nächte. Stundenlang schauen sie in farbiges Licht. Mal in rotes, mal in blaues, mal in grünes. Vorher und nachher wird ihr Blut untersucht - auf Melatonin. Mit der nächtlichen Lightshow wollen die Forscher zweifelsfrei herausfinden, welche Bereiche des Lichtspektrums die Hormonbildung im Körper beeinflussen. Das Resultat: Vor allem blaues Licht unterdrückt Melatonin. Rotes und gelbes ist hingegen harmlos.

Neue Lampen müßten den Körperrhythmus berücksichtigen

Für George Brainard, den Leiter der Experimente, steht daher schon fest, daß gehandelt werden muß: "Letztendlich wird sich die Nachtbeleuchtung wohl überall ändern müssen." Er glaubt zwar nicht, daß das von heute auf morgen passiert. "Aber in den nächsten zehn bis 20 Jahren wird es soweit sein."

Neue Lampen müßten nicht nur weiterhin hell genug sein, sondern zusätzlich den Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers berücksichtigen. Zum Beispiel, indem nachts die blauen Lichtanteile herausgefiltert werden. Bis es soweit ist, raten Brainard und Stevens "vor allem zu dunklen Nächten, in denen der Körper sich ausruhen kann und schläft".

Unterdessen nimmt die Beleuchtung in den Städten überall zu. "Kein Grund zur Panik", sagen die Wissenschaftler unisono, die derzeit den Zusammenhang von Licht und Krebs untersuchen. Immer noch sei zuviel unklar, um Alarm zu schlagen. Zum Beispiel die, wie sich die Melatonin-Werte und die Brustkrebsraten zwischen Süd- und Nordeuropäern oder zwischen Süd- und Nordamerikanern unterscheiden.

Oder die, ob ein gestörter Hormonhaushalt auch bei Stewardessen zu einem erhöhten Krebsrisiko führt und die Melatonin-These auch auf andere Krebsarten zutrifft. Erst wenn sich der Verdacht weiter erhärtet, wollen sich die Wissenschaftler an die Öffentlichkeit wenden.

Trotz aller bestehenden Unsicherheiten: Privat treffen einige Forscher bereits Vorsorgemaßnahmen, wechseln helle Glühbirnen gegen dunklere aus und vermeiden Licht in der Nacht, so gut es geht. Eben so wie Stevens. 16 Jahre ist er nun in Sachen Licht und Krebs unterwegs. Für ihn steht fest: "Wir haben inzwischen genug Beweise, um Licht bei Nacht als Ursache für Krebs sozusagen vor Gericht zu stellen. Für einen Schuldspruch reicht es aber noch nicht aus." Stevens will weiterforschen, bis die letzten Zweifel ausgeräumt sind.

Dieser Artikel ist bereits erschienen in einer Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, und zwar am 11. Dezember 2003.

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