Ärzte Zeitung, 30.03.2004

IM GESPRÄCH

Gehörschutz oder Schallschutzwände: Wie schützt man Orchestermusiker vor dem selbst erzeugten Lärm?

Von Ursula Gräfen

EU-Bürokraten kümmern sich nun auch um Musik: Orchestermusiker sollen vor dem selbst erzeugten Lärm geschützt werden. Das sieht eine Richtlinie der EU vor, die bis zum Jahr 2008 umgesetzt werden muß. Doch das ist gar nicht so einfach.

Vor allem im Opernorchester kann es ganz schön laut zugehen. Bei Opern von Richard Wagner etwa können Lärmspitzen bis zu 90 oder gar 110 Dezibel erreicht werden. Diese Werte stufen Arbeitsmediziner als gefährlich ein. Zum Vergleich: Ein vorbeifahrender Lastwagen etwa erreicht 85 Dezibel, was als Grenzwert für Lärm gilt.

Im Orchestergraben wird Schall von den Wänden reflektiert

Dazu kommt, daß das Opernorchester in einem engen Graben spielt, wo der Schall zusätzlich von den Wänden reflektiert wird. Besonders unangenehm laut kann es für diejenigen Musiker werden, die direkt vor den Blechbläsern sitzen, also die Streicher. Nur die ersten Geiger sind auf der sicheren, weil leiseren Seite.

Aber der Lärm hängt auch vom eigenen Instrument ab. So ist der Schallpegel für Geiger, die ihr Instrument in unmittelbarer Nähe des Ohrs halten, besonders groß. "Je nach Haltung der Geige liegen die Schallpegel über den berühmten 85 Dezibel", berichtet Professor Gregor Widholm, Leiter des Instituts für Wiener Klangstil und Hornist bei der Wiener Volksoper, jetzt in der österreichischen Fachzeitung "Ärztewoche" von eigenen Messungen. "Was allerdings überrascht: Nach den gemessenen Schallpegeln müßte ein Großteil der Streicher Gehörschäden haben, doch das ist nicht der Fall."

Denn Lärm im Orchester ist nicht vergleichbar mit Lärm in der Industrie. "Der von der Arbeitsmedizin festgelegte Grenzwert von 85 Dezibel bezieht sich ja auf eine permanente Lärmexposition über acht Stunden am Tag, und das die ganze Woche über", so Widholm. "Diese dauernde Lärmeinwirkung haben wir aber gar nicht in der Musik, da gibt es vielmehr auch leise Stellen und Pausen."

Dennoch muß die neue EU-Richtlinie umgesetzt werden. Eine Möglichkeit sind Ohrstöpsel für die Musiker. So geschehen an der Wiener Volksoper. Dort haben die Musiker, die es wollten, einen individuell angepaßten Gehörschutz bekommen. Dieser Gehörschutz ist speziell für Musiker entwickelt worden und hält nicht nur Schallwellen ab, sondern ermöglicht es auch, bei Pianissimo-Stellen die Kollegen noch zu hören.

Besonders gut kommt dieser Gehörschutz bei den Streichern an. Abgelehnt wird er dagegen von den Holzbläsern. Denn mit Gehörschutz klingen Klarinetten und Oboen für die Musiker selbst nicht mehr sauber. Knochenschall verzerrt und verstärkt den Ton.

Gehörschutz ist also keine optimale Idee, jedenfalls nicht für alle. Im Gespräch sind auch Schallschutzwände zwischen den Musikern. Widholms Kommentar: "Sie benötigen im Orchestergraben manchmal unverhältnismäßig viel Platz, dazu kommt das Problem, daß sie, wenn sie wirklich wirksam sein sollen, aus bestimmten, und zwar undurchsichtigen Materialien bestehen müssen. Und diese optimale Trennung beeinträchtigt und erschwert dann wiederum den Kontakt zum Dirigenten und zu den Mitspielern."

Einfachste Möglichkeit wäre, Orchestergraben anzuheben

Für ein Opernorchester gibt es Widholms Meinung nach eine relativ einfache und wirkungsvolle Maßnahme des Lärmschutzes: den Orchestergraben anzuheben. Dagegen haben aber Dirigenten, Regisseure und vor allem Sänger Bedenken. Sie befürchten, das Orchester wäre dann zu laut. Doch Widholm selbst hat Untersuchungen gemacht und meint, das sei nicht wahr.

"Je höher Musiker sitzen, desto besser sind die akustischen Gegebenheiten, nicht nur für die Musiker, sondern auch für die Zuhörer." Auch auf Koordinationsprobleme zwischen Sängern und Orchester würde es sich nur positiv auswirken. Dann könnten die Sänger das Orchester besser hören (jetzt muß der Orchesterklang oft mit Lautsprechern auf der Bühne verstärkt werden).

Also eine ziemlich ideale Lärmschutz-Methode. Doch natürlich gibt es auch hier einen Nachteil. Denn das Publikum in den ersten beiden Reihen würde die in ihrer Nähe positionierten Instrumente stärker hören als die anderen. Und die Plätze in den ersten beiden Reihen sind besonders teure. So steht zu befürchten, daß die Opernhäuser mit diesem Umbau nicht einverstanden wären.

Es muß also weiter nach Möglichkeiten gesucht werden, wie Orchestermusiker vor Lärm geschützt werden können. Aber es ist ja auch noch etwas Zeit bis 2008.

FAZIT

Eine EU-Richtlinie sieht vor, daß in Orchestern für Lärmschutz gesorgt werden muß. Umgesetzt werden muß sie bis zum Jahr 2008. Denn vor allem im Opern-Orchestergraben, wo der Schall von den Wänden noch reflektiert wird, werden Spitzenwerte von 90 und sogar 110 Dezibel gemessen - Werte, die Arbeitsmediziner als gefährlich einstufen. Gegen alle bisher vorgeschlagenen Schutzmöglichkeiten gibt es allerdings Widerstand, meist von der Musikern selbst. (ug)

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