Ärzte Zeitung, 03.12.2004

20 Jahre nach Bhopal geht das Sterben in der Stadt weiter

In Folge der Giftgaskatastrophe starben bis heute bis zu 30 000 Menschen / Opfer erhielten 500 Euro Entschädigung / Gelände weiter verseucht

Von Can Merey

Kurz nach Mitternacht am 3. Dezember 1984 zieht die Giftgaswolke lautlos über die Menschen Bhopals hinweg. Die Armen aus den Elendsvierteln neben der Pestizidfabrik tötet das Gas zuerst. Tausende Menschen ersticken in jener Nacht - und bis heute geht das Sterben in der zentral-indischen Stadt weiter.

In einer Klinik in Bhopal werden erste Opfer der Giftgaskatastrophe behandelt. Für viele kommt jede Hilfe zu spät. Foto: dpa

Hunderttausende leiden immer noch unter den Folgen der größten Industriekatastrophe der Geschichte. Die mageren Entschädigungen sind zwanzig Jahre später noch nicht vollständig ausgezahlt. Und noch immer wird gestritten, wer die Chemie-Altlasten aus der Katastrophen-Fabrik beseitigt, die in Bhopal weiter für Unheil sorgen.

"Plötzlich hatte ich das Gefühl, als hätte ich rote Chilies in den Augen", erinnert sich V. Dharam an die Schreckensnacht. "Wir mußten uns übergeben und hatten Schaum vorm Mund, wir rannten raus." Weder Dharam noch seine Frau noch Hunderttausende andere wissen, was passiert ist. Sie ahnen nicht, daß sie mit jedem Atemzug das Gas einatmen. Bald darauf liegen etliche Leichen auf den Straßen. In den Krankenhäusern versuchen verzweifelte Ärzte, die flehenden Menschen vor dem qualvollen Tod zu retten - oft vergeblich.

15 000 Tote sind im Zusammenhang mit dem Giftgas offiziell verzeichnet, Hilfsorganisationen schätzen dagegen, daß insgesamt zwischen 20 000 und 30 000 Menschen ums Leben kamen. Über einer halben Million Menschen - mehr als der Hälfte der damaligen Einwohner Bhopals - haben die Gerichte Entschädigungen zugesprochen, weil sie verletzt wurden. Auch Dharam verliert seine Ehefrau und seinen erst eineinhalb Jahre alten Sohn. Er selber überlebt knapp - und leidet bis heute unter den Folgen des Giftgases.

Die Pestizidfabrik, aus der der Tod kommt, war bis dahin der Stolz der Stadt. Wer in der mehrheitlich dem US-Chemiekonzern Union Carbide gehörenden Anlage arbeitete, der hatte es zu etwas gebracht. Am Abend der Katastrophe gerät Wasser in einen Tank mit hochgiftigem Methyl-Isocyanat (MIC), Giftgas entsteht und entweicht ins Freie. Union Carbide sagt bis heute, es habe sich um Sabotage gehandelt. Frühere Angestellte widersprechen dem vehement. Sie sagen, Fahrlässigkeit habe die Katastrophe ausgelöst. Kein einziges der Sicherungssysteme habe damals funktioniert.

Auf 470 Millionen US-Dollar Entschädigung hat sich die indische Regierung 1989 mit Union Carbide geeinigt. "Das war totaler Betrug", sagt Satinath Sarangi, der nach der Katastrophe als Student nach Bhopal kam, um zu helfen, und seitdem sein Leben den Opfern widmet.

Die Regierung habe ausländische Konzerne nicht abschrecken wollen und deswegen "die Opfer ausverkauft". In der Regel gab es bislang umgerechnet etwa 500 Euro für Geschädigte und 2000 Euro pro Todesfall, der gleiche Betrag soll nun noch einmal gezahlt werden. Im kommenden Mai - mehr als zwei Jahrzehnte nach der Katastrophe - soll die Auszahlung abgeschlossen sein.

Noch heute ragt der Turm der Pestizidfabrik in den strahlend blauen Himmel Bhopals. Die Anlage ist nie vollständig abgebaut worden, das verseuchte Gelände wurde nie saniert. Kinder spielen dort Kricket, Frauen sammeln Brennholz, Kühe suchen nach Futter. Der Bundesstaat Madhya Pradesh, dem das Areal inzwischen gehört, und der Konzern Dow Chemical, der Union Carbide übernommen hat, streiten immer noch darüber, wer die Altlasten beseitigen soll. Leidtragende sind wieder die Armen, die nahe der Industrie-Ruine wohnen.

"Kein Trinkwasser" steht auf Warnschildern an den rot markierten Pumpen. Doch das saubere Wasser aus den Tanklastern der Stadt reicht nicht aus, fließend Wasser gab es hier noch nie, und so bleibt den Slumbewohnern keine andere Wahl, als das potentiell giftige Wasser zu trinken. Inzwischen melden sich nicht mehr nur Gas-, sondern auch Wasseropfer.

Dharam hat nach der Katastrophe wieder geheiratet, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wohnt er in einer 15-Quadratmeter-Wohnung in der "Kolonie der Gasopfer" am Stadtrand. Wie so viele Überlebende leidet der 50jährige unter Atemnot und Augenproblemen. Seine Arbeit in einer Fabrik hat er deswegen längst verloren, seine neue Familie bringt er mit Gelegenheitsjobs durch.

Die armselige Wohnung und umgerechnet 4000 Euro hat Dharam Jahre später als Entschädigung dafür bekommen, daß ihm das Gas seine erste Familie raubte. "Aber was nützt mir das Geld", sagt er. "Ich habe meine Frau und mein Kind verloren."

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