Ärzte Zeitung, 16.12.2004

Hilft künstliches Fett, das Dioxin zu entfernen?

Eine gezielte Entgiftung ist beim Seveso-Gift nicht möglich / Narben durch Chlorakne / Hautschutz mit Antibiotika

ERFURT (Rö). Was kann Viktor Juschtschenko, dem ukrainischen Oppositionsführer, jetzt nach seiner Dioxin-Vergiftung helfen? Solange Dioxin im Körper ist, kann es zu neuen Ausbrüchen der charakteristischen Chlorakne kommen. Davor kann eventuell eine spezielle Fettdiät schützen, wenn es damit gelingt, das Dioxin aus dem Körper zu entfernen.

Seit kurzem ist klar: Das Seveso-Gift Dioxin hat Viktor Juschtschenkos Gesicht so entstellt. Foto: dpa

Diese Therapie mit dem Fett Olestra, einem unverdaulichen synthetischen Fettersatzstoff in Ölform, sei allerdings noch experimentell, hat Dr. Helmut Hentschel auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" berichtet. Der Arzt, Pharmakologe und Toxikologe leitet das Gemeinsame Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Mit dem Kunstfett hat sich in ähnlichen Vergiftungsfällen die Zeit, in der jeweils die Hälfte des im Körper noch vorhandenen Dioxins ausgeschieden wird, von etwa sieben Jahre auf ein bis zwei Jahre vermindert. "Dies geht auch bei DDT und Substanzen, die wie Dioxine im Fettgewebe gespeichert werden", sagte Hentschel.

Ein spezielles Antidot gegen Dioxin gibt es nicht, eine gezielte Entgiftung ist daher nicht möglich. Abgesehen vom Versuch der Dioxin-Entfernung mit der Diät ist die Therapie daher relativ unspezifisch.

Gegen die typischen Hautinfektionen bei der Chlor-akne, die Tage bis Wochen nach der Vergiftung auftritt, werden Antibiotika und Salben eingesetzt, bei Leberschäden kann eine unspezifische Therapie gemacht werden. Leberschäden werden bei solchen Patienten an Fettstoffwechselstörungen erkannt.

Andere Langzeitschäden als die an der Haut seien im Prinzip nicht zu befürchten, sagte der Toxikologe. Das individuelle Krebsrisiko lasse sich in so einem Fall nicht prognostizieren. Das Dioxin induziere keinen Krebs, sei aber ein Promotor, beschleunige also mit krebsauslösenden Stoffen, etwa im Zigarettenrauch, die Tumor-Entstehung, so das Ergebnis von Tierexperimenten.

Die akute Toxizität des als Seveso-Gift bekannt gewordenen Dioxins sei bei Primaten deutlich geringer als bei Ratten oder Meerschweinchen. So sei in der wissenschaftlichen Literatur im Zusammenhang mit Unfällen wie in Seveso nie ein Todesfall durch Dioxin beschrieben worden.

Informationen zu Dioxin: www.hygiene.ruhr-uni-bochum.de/hygiene/dioxin/dioxin-information.html

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