Ärzte Zeitung, 01.02.2006

Die Zeitbombe Asbest ist noch nicht entschärft

Trotz Verbots wird Asbest weiter verarbeitet / Asbestose und Lungenkrebs als Berufskrankheiten anerkannt

BERLIN (dpa). Der Palast der Republik in Berlin steht vor dem Abriß. Damit verschwindet auch das in Deutschland wohl prominenteste Beispiel für Asbestsanierung. Doch trotz eines europaweiten Verbots der krebserregenden Mineralienfasern tickt die Zeitbombe Asbest weiter.

Das bekannteste Beispiel für Asbestsanierung: der Palast der Republik in Berlin, der nun abgerissen wird. Foto: dpa

Berufsgenossenschaften warnen vor einer Gefahr, die kaum abzuschätzen ist. "Es gibt im Jahr mehr Tote durch Asbest bei Berufserkrankungen als tödliche Arbeitsunfälle", sagt der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Joachim Breuer.

Das Wort "Asbest" stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "unvergänglich". Bis in die 1970er Jahre galt das Material als Wundermittel für die Bauindustrie - und fand etwa als Dämmstoff, Feuerschutz oder in Autobremsen Anwendung. Vor 30 Jahren erreichte die Asbestproduktion weltweit ihren Höhepunkt.

Seit 1993 ist Asbest in Deutschland verboten - es darf nicht verarbeitet oder in den Verkehr gebracht werden. Seit Anfang 2005 gilt auch ein europaweites Verbot. "Doch damit ist die Gefahr nicht vorbei: Es wird weiter produziert und verarbeitet", sagt Breuer. Europäische Konzerne hätten die Produktion aus Europa zum Beispiel nach Afrika und Südamerika verlagert. Dabei gibt es heute ungefährlichen Ersatz.

In alten Häusern gibt es noch große Mengen Asbest

Vor allem in älteren Häusern können noch Gefahren sein. "Es sind noch große Mengen Asbest vorhanden", sagt Karl-Heinz Jürgens, Vorstandsmitglied des Fachverbands Schadstoffsanierung (FAS) in Berlin.

Asbest findet sich zum Beispiel in Dachplatten und Fassadenelementen, Brandschutzplatten und -spritzmassen, Kabel- und Lüftungskanälen, Fußbodenbelägen - etwa in sogenannten Flexplatten - , aber auch in elektrischen Nachtspeicherheizöfen, Heizungsanlagen, Dichtungen und Dehnungsfugen.

"Bei Bauteilen dieser Art, die bis Ende der 80er Jahre eingebaut worden sind, ist zunächst von dem Verdacht auszugehen, daß Asbest enthalten ist", sagt die Verbandsgeschäftsführerin Elisabeth Gulich.

Ein Brocken Asbest in einem normalen Haushaltsstaubsauger - etwa beim Versuch, das Material unfachmännisch zu entsorgen - kann nach Expertenangaben ein mehrstöckiges Gebäude kontaminieren. Asbest kann auch in Backöfen, Boilern, Bügeleisen, Küchenherden und Kühlschränken verarbeitet sein. In Zweifelsfällen bringt eine Laboruntersuchung Klarheit.

Viele öffentliche Gebäude - auch Schulen und Kindergärten - waren mit Asbest belastet oder können es möglicherweise noch sein. Ende der 70er Jahre setzte die Sanierung ein. Innerhalb einer Analyse des Bau- und Liegenschaftsbetriebs Nordrhein-Westfalen 2003 und 2004 wurden knapp 1300 öffentliche Gebäude untersucht. In etwa 560 davon wurden Schadstoffe entdeckt: In knapp drei Vierteln handelte es sich dabei um Glas- oder Steinwolle sowie Asbest.

Unbestritten ist, daß Asbest Krebs hervorruft. Als Berufskrankheiten gelten die Asbestose - Staublunge durch Asbest - sowie asbestverursachter Lungenkrebs und Mesotheliom. Diese Krankheiten verlaufen meist tödlich. Für Deutschland wird wegen der langen Inkubationszeit von zehn bis 60 Jahren der Höhepunkt der Erkrankungen zwischen 2010 und 2020 erwartet - dann wird mit bis zu 110 000 Patienten gerechnet.

Pro Jahr werden etwa 200 neue Patienten registriert

Das Pleuramesotheliom gilt als einer der bösartigsten Tumoren, wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Professor Helmut Teschler von der Ruhrlandklinik Essen, betont. "Wir registrieren gegenwärtig eine Zunahme der gemeldeten Fallzahlen um etwa 200 pro Jahr." Eine Asbestose macht sich in der Regel erst nach Jahrzehnten bemerkbar. Spätfolge der Asbestbelastung ist Krebs.

Die Krankheiten sind nicht nur für die betroffenen Patienten eine Katastrophe, sondern auch für Berufsgenossenschaften ein millionen- schweres Risiko. "Die Kosten, die die Berufsgenossenschaften aufwenden, betragen rund 300 Millionen Euro im Jahr", sagt der Hauptgeschäftsführer. Die Kosten im Rentenfall liegen je nach Schwere der Krankheit für einen Patienten zwischen 100 000 und 240 000 Euro, im Durchschnitt 13 Jahre lang. Die Altersrente wird allerdings mit angerechnet.

STICHWORT

Asbest

Asbest bezeichnet eine Gruppe von extrem faserigen Mineralien. Der Faserdurchmesser kann bis zu zwei Tausendstel Millimeter klein sein. Werden Asbestfasern eingeatmet, kann das zu einer chronischen Entzündung in der Lunge und zu Krebs führen. In der Theorie kann bereits eine einzige Faser ausreichen, um Krebs zu erzeugen. Das Risiko steigt, je länger und intensiver man den Fasern ausgesetzt ist.

Die langen, dünnen Fasern richten sich beim Einatmen mit dem Luftstrom aus und können so die kleinsten Atemwege und die Lungenbläschen erreichen. Dort verkeilen sie sich, weil sie länger sind als diese Atemwege breit. "Die Fasern hängen wie kleine Spieße im Gewebe", erläutert der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Professor Helmut Teschler von der Ruhrlandklinik Essen. Da sie sehr spitz sind, stechen sie auch durch das Gewebe. Der Körper versucht, die Fremdkörper zu entfernen. Die Freßzellen werden mit den Fasern jedoch nicht fertig - sie gehen zu Grunde. Diese Reste locken weitere Freßzellen an, die ebenfalls sterben, so daß es schließlich zu einer schnellen Vermehrung der Zellen kommt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für zufällige Mutationen, die Krebszellen entstehen lassen. (dpa)

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