Ärzte Zeitung, 04.09.2009

Öfter Krebs in der Nähe von Atommeilern - die Gründe dafür bleiben weiter im Dunkel

Kinder und Jugendliche, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben, haben eine erhöhte Rate an Leukämie - weshalb das so ist, weiß bislang niemand. Daran ändert auch eine neue Meta-Analyse nichts.

Von Thomas Müller und Thomas Hommel

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Gefahr auch im Normalbetrieb? Das Atomkraftwerk Krümmel, 30 Kilometer südöstlich von Hamburg, stand wiederholt wegen erhöhter Krebsraten in der Umgebung in der Diskussion.

Foto: dpa

Vor etwa eineinhalb Jahren sorgte eine große, sorgfältig angelegte Studie für viel Aufsehen: Kinder und Jugendliche bekommen in der Nähe von Atomkraftwerken häufiger Leukämie - das ließ sich statistisch eindeutig zeigen.

Während Atomkraftgegner dies als klaren Beleg dafür sahen, dass AKW auch im Normalbetrieb gefährlich sind, waren viele Experten ratlos: Ohne erhöhte radiaktive Emissionen im gewöhnlichen Betrieb gab es schlicht keine plausible Erklärung für den Befund. Daran ändert nun auch die neue Meta-Analyse nichts, die Bündnis 90/Die Grünen in Auftrag gegeben haben: Die erhöhte Rate lässt sich zwar in mehreren Studien zeigen, ob der Zusammenhang kausal ist, bleibt aber weiterhin offen.

Die Leukämierate ist um etwa ein Fünftel erhöht.

Für die Analyse des Arztes und Epidemiologen Professor Eberhard Greiser, die jetzt bei einer Pressekonferenz der Grünen in Berlin vorgestellt wurde, sind Erkrankungsdaten in der Umgebung von insgesamt 80 Kernkraftwerken aus fünf Ländern - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada und USA - eingeflossen und ausgewertet worden. Aus den Daten geht hervor, dass bei Säuglingen und Kleinkindern unter fünf Jahren die Leukämierate um etwa 19 Prozent, bei Kindern unter 15 Jahren um 13 Prozent erhöht ist, und zwar im Umkreis von etwa 20 bis 50 Kilometer um die untersuchten Atomkraftwerke, erläuterte Greiser. Allerdings waren auch bei jungen Erwachsenen (im Alter bis zu 24 Jahren) die Leukämieraten um 20 bis 22 Prozent erhöht - in der Meta-Analyse kamen die erhöhten Raten also weitgehend unabhängig vom Alter vor.

Insgesamt sind für die Altersgruppe der unter fünfjährigen Säuglinge und Kleinkinder insgesamt 2096 Erkrankungen in der Nähe von Kernkraftwerken herangezogen worden, für die unter 14 Jahre alten Kinder 3742.

Greiser, der von 1997 bis 2004 auch Direktor des Krebsregisters in Bremen war, will nach diesen Daten nicht mehr grundsätzlich ausschließen, dass doch irgendwie radioaktive Emissionen aus Atomanlagen als Ursache für die Leukämie-Häufungen sind. Und Grünen-Fraktionschefin Renate Künast konstatiert: "Fakt ist: Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken leben, haben ein erhöhtes Risiko, an Leukämie zu erkranken."

Überträgt man allerdings das erhöhte Leukämierisiko in Erkrankungszahlen, sieht das Ganze schon weniger dramatisch aus. So fand die im Dezember 2007 veröffentlichte Studie KIKK (Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken) zwar für unter Fünfjährige im Fünf-km-Radius um ein AKW eine über 60 Prozent erhöhte Krebsrate und eine um 120 Prozent erhöhte Leukämierate. Pro Jahr entspricht dies aber nur 1,2 zusätzlichen Krebserkrankungen im nahen Umkreis aller deutschen AKW, denn innerhalb von 24 Jahren kam es dort zu 77 statt den statistisch erwarteten 48 Tumorerkrankungen.

Krebsraten schwanken stark, unabhängig von AKW-Nähe

In der KIKK-Studie, die vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) unter Mitwirkung sowohl von Atomkraft-Befürwortern als auch AKW-Gegnern konzipiert wurde, gab es eine signifikant erhöhtes Krebsrate zudem nur im Fünf-km-Radius um AKW, so Professor Maria Blettner nach Veröffentlichung der Studie zur "Ärzte Zeitung". Blettner hatte 2007 als Direktorin des Instituts für Medizinische Biometrie an der Mainzer Universität die KIKK-Daten maßgeblich ausgewertet. Blettner gibt auch zu bedenken, dass die Leukämieraten bei Kindern unter fünf Jahren je nach Landkreis stark schwanken: Von 2,5 bis 8 pro 100 000 Kinder - und das auch in Landkreisen ohne AKW.

Der Unterschied zwischen zwei Landkreisen kann somit größer sein als der zwischen AKW-Nähe und AKW-Ferne. Auch gebe es bislang keine genauen Untersuchungen zwischen Leukämierate und der Nähe zu anderen Industrie-Anlagen, etwa Steinkohlekraftwerken. Diese emittieren nach einer Studie des BfS pro erzeugter Megawattstunde mehr radioaktive Isotope in die Umgebung als AKW im Normalbetrieb.

Dass radioaktive Emissionen Ursache für die erhöhte Krebsinzidenz sind, lässt sich auch aus anderen Gründen schwer nachvollziehen. Nach BfS-Daten beträgt die zusätzliche radioaktive Belastung in AKW-Nähe weniger als einem Tausendstel der natürlichen Belastung. Das Rätselraten um die erhöhte Leukämierate dürfte also weitergehen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Krebs taugt nicht als Argument

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