Ärzte Zeitung, 04.12.2012

IPPNW fordert

Uranmunition ächten!

Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg legt umfassenden Report vor.

Uranmunition ächten!

Uranmunition wird auch in der Bevölkerung abgelehnt: Eine Frau trägt ein Schild während einer Friedensdemo in Bremen gegen den Einsatz von Uranmunition der Nato in Libyen.

© Ingo Wagner / dpa

BERLIN. Uranmunition schädigt Menschen und Umwelt derart schwer, dass die panzerbrechenden Waffen weltweit geächtet werden müssen.

Zu diesem Ergebnis kommt ein am Montag erschienener Report der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW).

Die Arbeit mit dem Titel "Die gesundheitlichen Folgen von Uranmunition - Die gesellschaftliche Debatte um den Einsatz einer umstrittenen Waffe" ist in Zusammenarbeit mit der International Coalition to Ban Uranium Weapons (ICBUW) entstanden.

Schon heute könne der Einsatz dieser Munition als völkerrechtswidrig angesehen werden, sagte der Völkerrechtler Professor Manfred Mohr bei der Vorstellung des Reports in Berlin.

Internationales Umweltrecht, wie von der Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) formuliert, gelte auch während kriegerischer Konflikte.

Bei der Explosion von Projektilen aus abgereichertem Uran (DU: depleted uranium) bilde sich Aerosol, das über den Atem, über die Nahrung oder Wunden in den Körper gelangen könne, sagte der Facharzt für Kinderheilkunde, Dr. Winfried Eisenberg, bei der Vorstellung des Reports.

Solche Partikel könnten in die Lunge, ins Skelett oder in regionale Lymphknoten eindringen und dort Tumoren und Sarkome erzeugen.

Auch im Kampf gegen Gaddafi eingesetzt

Nach der Auswertung von mehr als 100 wissenschaftlichen Arbeiten zu den Auswirkungen von DU-Munition sei die Beweislage klar, sagte Eisenberg.

Zudem wirkten sich die von der Munition freigesetzten chemischen und radiologischen Gifte auf nachfolgende Generationen aus.

Abgereichertes Uran sei mitverantwortlich für Tausende von Fehlbildungen im Irak und auf dem Balkan, wo laut des Reports Hunderte von Tonnen Uran verschossen worden seien. Möglicherweise sind die umstrittenen Geschosse immer noch im Einsatz.

Eisenberg sprach von Hinweisen, dass Uranmantelgeschosse 2011 auch bei der Bekämpfung der Panzer des lybischen Diktators Muammar Gaddafi durch die NATO eingesetzt worden sein könnten.

Die Bundeswehr warne zudem die in Afghanistan eingesetzten Soldaten vor dem Kontakt mit Uranmunition und von damit zerstörten Panzern und Bunkeranlagen, sagte Mohr. Die Bundeswehr selbst setzt nach Angaben der IPPNW-Vertreter diese Munition nicht ein.

Der Kontakt von Soldaten mit diesen Geschossen gilt als eine mögliche Ursache des "Golfkriegs-" und des "Balkankriegssyndroms".

Die italienische Regierung habe einen Zusammenhang zwischen DU-Munition und bestimmten Krebserkrankungen anerkannt und hunderte Balkankriegs-Veteranen entschädigt, sagte die niedergelassene Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Angelika Claußen.

Bundesrepublik lehnt Entschädigung ab

Auch Soldaten aus Deutschland sollen betroffen gewesen sein. Die Bundesrepublik aber lehne Entschädigung unter Verweis auf fehlende wissenschaftliche Evidenz ab.

Diese Haltung führe zur "Paralyse durch Analyse" kritisierten die IPPNW-Vertreter die Haltung der deutschen Regierungen.

Die italienische Staatsanwaltschaft untersucht zurzeit die Folgen eines über Jahrzehnte währenden Einsatzes von DU-Munition auf dem Nato-Schießplatz Salto di Quirra in Sardinien. Das ausgedehnte Übungsgelände ist seit Mai 2011 von der italienischen Justiz beschlagnahmt, heißt es in dem Report. In der Umgebung erkrankten Menschen und Tiere gehäuft an Krebs.

Zum Teil groteske Fehlbildungen seien verstärkt zu beobachten, sagten die IPPNW-Vertreter.Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat bereits 2008 mit deutlicher Mehrheit von 141 Stimmen ein Verbot dieser Waffen gefordert.

Dies scheiterte jedoch an den USA und Großbritannien. Etwa 20 Staaten, darunter auch Frankreich, Russland, die Türkei, Israel, Pakistan, Saudi Arabien und Thailand besitzen DU-Munition. (af)

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