Ärzte Zeitung, 21.09.2004

Genetische Disposition für Adipositas wird weiter unterschätzt

Viele Gene steuern die Entwicklung von Fettsucht / Plädoyer für eine gezielte Prävention bei genetisch belasteten Kindern

ESSEN (run). Dem Willen zum Abnehmen stehen oft die Gene entgegen. Es ist dringend ein Umdenken notwendig, um dicke Menschen zu entstigmatisieren, hat Professor Johannes Hebebrand aus Essen zur "Ärzte Zeitung" gesagt.

"Wir gehen heute davon aus, daß unser Körpergewicht zu mindestens 50 Prozent von Genen gesteuert wird - also in einem ähnlichen Ausmaß wie unsere Körpergröße", sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Duisburg-Essen. Dieser hohe Anteil werde nach wie vor unterschätzt. Eine Folge davon sei, daß Therapieziele oft zu hoch gesteckt würden - mit frustranen Ergebnissen.

Dabei sei es Forschern in den vergangenen Jahren zunehmend gelungen, immer mehr Genorte zu identifizieren, die an der Steuerung von Hunger, Energieaufnahme und -Verbrauch beteiligt sind. "Eine wichtige Erkenntnis daraus ist, daß die Prädisposition für Adipositas polygenetisch determiniert ist", so Hebebrand.

"Das erschwert auch eine zielgerichtete Adipositas-Therapie, wie die enttäuschenden Versuche mit Leptin gezeigt haben: Der Hormonersatz wirkt nur bei jenen Patienten gewichtsmindernd, die eine funktionell relevante Mutation im Leptingen haben." Und die ist extrem selten. So ist in Deutschland bislang kein Patient mit einer solchen Mutation ermittelt worden. Hingegen gibt es bei etwa 2,5 Prozent aller extrem Adipösen in Deutschland Mutationen im Melanocortin-4-Rezeptor-Gen (MC4R).

Typisch bei ihnen ist das gemeinsame Vorkommen von Adipositas, roten Haaren und Kortisolmangel. Zwar gibt es für sie anders als bei Leptinmangel noch keine gezielte Therapie. Der MC4-Rezeptor wird aber derzeit intensiv in der Pharmaindustrie erforscht. Denn mit wachsendem Verständnis für die Regelkreise und Steuerungsmechanismen, die das Ansetzen von Fett begünstigen, sind nach Ansicht des Essener Wissenschaftlers für die Zukunft neue Therapieansätze zu erwarten, von denen dann alle Übergewichtigen profitieren könnten.

Doch zunächst plädiert Hebebrand dafür, mehr Augenmerk auf die Prävention von Adipositas zu richten. Ziel für Hebebrand muß es sein, möglichst schon bei Kindern mit der Veranlagung für Adipositas frühzeitig Eß- und Bewegungsverhalten positiv zu steuern. Denn ist ein Kind erst zu dick, fällt gerade bei einer genetischen Veranlagung das Abnehmen besonders schwer.

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