Ärzte Zeitung, 20.07.2005

Anziehhilfen, XXL-Schirme und Särge, groß wie ein Doppelbett

Die US-Industrie hat sich längst auf die zunehmende Zahl dicker Mitbürger eingestellt / Ärzte denken, daß XXL-Produkte eher schaden als nützen

Von Stefan Nicola

Die Probleme der dicken Amerikaner werden zunehmend auch zum guten Geschäft: Die Firma "Goliath Casket" stellt - wohl exklusiv - Särge in der Größe eines Doppelbettes her. In Möbelmärkten finden sich überdimensionale Klappstühle.

Das Unternehmen Amplestuff verkauft Spezial-Geräte, die schwergewichtigen Kunden das Überstreifen ihrer Socken erleichtern. Amplestuffs Motto: "Make your world fit you!" - "Paß deine Welt an Dich an!"

Immer mehr US-Unternehmen bieten XXL-Produkte an - denn die Kundschaft wächst jedes Jahr. Schon fast zwei Drittel der US-Bürger gelten als übergewichtig, etwa 60 Millionen Erwachsene leiden nach Schätzungen der Gesundheitsbehörden gar unter Adipositas. Die Gründe sind bekannt: zu viele Kalorienbomben aus der Fast-Food-Küche und zu wenig Bewegung. Doch trotz groß angelegter Aufklärungskampagnen des US-Gesundheitsministeriums erwarten Experten keine Trendwende.

    Fast zwei Drittel der US-Bürger gelten bereits als übergewichtig.
   

Eine Entwicklung, die dem Unternehmer Bill Fabrey weitere Kunden bescheren könnte. Seit Fabrey 1988 Amplestuff gründete, ist der Umsatz seines Betriebes in Bearsville (US-Bundesstaat New York) jährlich um etwa 20 Prozent gestiegen.

Etwa 100 000 Dicke hat Fabrey nun in seiner Kundenkartei. "Wir bieten Produkte an, die wir Dicke jahrelang vergeblich suchten", sagt Fabrey, der bei einer Körpergröße von 1,75 Metern und einem Gewicht von über 100 Kilo selbst füllig ist.

Kunden können bei dem gelernten Elektroingenieur XXL-Regenschirme, riesige Badehandtücher oder übergroße Kleiderbügel bestellen. Für extrem Fettleibige hat Fabrey auch andere Produkte im Angebot, die ein Leben mit sehr vielen zusätzlichen Pfunden leichter machen sollen.

Ein Mini-Lenkrad können Dicke in ihr Auto einbauen, falls sie denn nicht mehr hinters Standard-Steuer passen sollten. Um leichter aus dem Gefährt aussteigen zu können, gibt es den "Leg Lifter", eine blaue Stoffschlinge zum Anheben des Beines. Und der absolute Verkaufsschlager ist der "Ample-Sponge", ein Schwamm an einem langen Plastikstab, den Fettleibige zum Waschen schwer erreichbarer Körperteile benutzen können.

Kritiker von XXL-Unternehmen sagen, solche Produkte schaden eher, als daß sie helfen, denn sie animieren nicht zum Gewichtsverlust. "Manche Übergewichte werden denken: Na ja, es ist ja nicht so schlimm, dicker zu sein, wenn die Stühle ab jetzt etwas breiter gebaut werden", sagte Medizinprofessor Arthur Caplan von der Pennsylvania University der Tageszeitung "Pittsburgh Post-Gazette".

Doch laut Fabrey haben Fettleibige weiterhin genügend Anreize, überschüssige Pfunde loszuwerden: "Als dicker Mensch wird man hunderte Male pro Tag daran erinnert, daß man nicht normal ist. Und Amplestuff kann dir weder einen Freund besorgen noch einen Job beschaffen."

Paul Santos, Autor des Buches "Mythos Fettleibigkeit", findet, daß die Industrie Übergewichtige noch immer zu wenig beachtet. "Es gibt kaum modische Kleidung für dickere Frauen. Da herrscht eine riesige Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage." Laut Santos wollen sich US-Modefirmen nur ungern mit XXL-Kleidung in Verbindung bringen, das sei schlecht fürs Image.

Nancy Ledoux aus Reston im US-Bundesstaat Virginia bringt 200 Kilo auf die Waage. "Ich habe mein ganzes Leben lang versucht abzunehmen. Ich war zur Diät schon im Krankenhaus. Nichts hat geholfen."

Ledoux ist froh, daß Produkte wie der Ample-Sponge ihr Leben angenehmer gestalten. Auch weil sie überzeugt ist, daß mehr XXL-Artikel die gesellschaftliche Akzeptanz der Dicken erhöht: "Je mehr dieser Produkte in die Regale kommen, desto schneller wird Dicksein als normales Phänomen akzeptiert." (dpa)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hypertonie in jungen Jahren erhöht Risiko für den Nachwuchs

Das Alter, in dem sich ein Bluthochdruck manifestiert, beeinflusst nicht nur die persönliche Prognose eines Patienten, sondern wohl auch das Erkrankungsrisiko seiner Kinder. mehr »

Medienanamese künftig Bestandteil der U-Untersuchungen?

Schon bei Babys und Kleinkindern machen sich die Folgen übermäßigen Medienkonsums bemerkbar. Das geht aus der neuen BLIKK-Studie hervor. Pädiater reagieren besorgt. mehr »

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen meist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. mehr »