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Ärzte Zeitung, 03.07.2006

IM GESPRÄCH

Wächst der Speckgürtel um die Taille durch eine Virusinfektion?

Von Angela Speth

Lange galt der Speckgürtel um die Taille als Folge eines selbst gewählten Lebensstils: Dick wird, wer mit Schokolade, Chips und Bier stundenlang vor dem Fernsehgerät hockt.

So lautete ein gängiges Vorurteil - bis Wissenschaftler eine weitere mögliche Ursache entdeckten, die Übergewichtigen zumindest teilweise das schlechte Gewissen erleichtern könnte: Adenovirus 36 (Ad-36). 30 Prozent der Übergewichtigen haben Antikörper gegen Ad-36 im Blut, aber nur elf Prozent der Schlanken, wie ein Team um Richard Atkinson aus Richmond herausfand (International Journal of Obesity 29, 2005, 281).

Der infizierte Zwilling war dicker als der nichtinfizierte

Wer einmal eine Infektion durchgemacht hat, bringt der Studie zufolge im Mittel mehr Pfunde auf die Waage als nichtinfizierte Zeitgenossen. Ähnliches hat eine Untersuchung von 89 Zwillingspaaren ergeben: Der antikörperpositive Zwilling war mit einem Body Mass Index (BMI) von durchschnittlich 24,5 schwerer und dicker als sein antikörpernegativer Partner mit einem BMI von 23,1.

    Eine Virusinfektion könnte einer von vielen Faktoren sein, die das Körpergewicht regulieren.
   

Noch etwas ist bemerkenswert: Wer mit Ad-36 infiziert ist, dessen Cholesterin- und Triglyzeridspiegel im Serum liegen um durchschnittlich 30 mg/dl niedriger als die von nicht-infizierten Personen. Versuche bei Hühnern, Mäusen und Primaten brachten jeweils ähnliche Resultate. Normalerweise ist Übergewicht mit erhöhten Fettwerten verknüpft. Zudem stellte sich heraus, daß Ad-36 Vorläuferzellen beschleunigt zu Adipozyten reifen läßt.

Wird einmal eine Impfung vor Übergewicht schützen?

Der Entdeckung von Ad-36 folgte der dringende Ruf nach einem Impfstoff. Eine Vakzine sollte aber möglichst vor allen Erregern schützen, die Fettpolster auf menschliche Hüften bringen. Daher haben Atkinson und seine Kollegen weitere der insgesamt etwa 50 Vertreter dieser Virenfamilie getestet, die hauptsächlich Atemwegserkrankungen auslöst (Am J Physiol Regulatory Integrative Comp Physiol 290, 2006, R190).

Bei Ad-37 wurden die Forscher fündig: Damit infizierte Küken hatten nach einem Monat doppelt so viel Körperfett und dreimal so viel Eingeweidefett wie gesunde Kontrolltiere. Verblüffend war, daß sie keineswegs mehr gefressen hatten. Diesen Befund erklären die Wissenschaftler damit, daß sich der Grundumsatz verlangsamt und Fettzellen das Muskelgewebe ersetzen.

Das Szenario, das die Tierversuche ergaben, würde auf Menschen übertragen bedrückend aussehen: Ad-37 macht nicht nur dick, sondern verwandelt die Leibesfülle auch noch in eine ansteckende Krankheit. Damit wäre Übergewicht außerdem der persönlichen Einflußnahme, etwa durch Diät, zum Teil entzogen. Und zu allem Überfluß würde man auch noch Speck ansetzen, ohne vorher wenigstens in den Genuß von Schokolade, Chips und Bier beim Fußballgucken gekommen zu sein.

Aber für Figurbewußte gibt es Entwarnung: Ad-37 ist ihnen als Plagegeist erspart geblieben. Denn mit Übergewicht beim Menschen hat Ad-37 offenbar nichts zu tun: Dicke hatten in Studien keine höheren Titer von Ad-37-Antikörpern als Schlanke. Eins ist damit immerhin klar: Diesen Virus braucht man bei der Suche nach einer Vakzine nicht zu berücksichtigen.

FAZIT

Amerikanische Wissenschaftler haben entdeckt, daß eine Assoziation zwischen der Infektion mit dem Adenovirus Ad-36 und Übergewicht besteht. Für andere Adenoviren wie Ad-37 ließ sich das nicht belegen. Nun sollte der Zusammenhang zwischen Ad-36 und Dickleibigkeit durch weitere Studien untermauert werden. Theoretisch ist möglich, daß Viren Botenstoffe im Energie-Umsatz beeinflussen. Dabei könnten sie ein Element in dem Zusammenspiel von Hunderten von Faktoren sein, die das Körpergewicht regulieren.


Die Epidemie Übergewicht

Die Prävalenz von Übergewicht hat sich bei Erwachsenen in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, bei Kindern sogar verdreifacht. Als Gründe für den rasanten Anstieg liegen der Konsum fruchtzuckerhaltiger Getränke, kalorienreiche Kost sowie Bewegungsmangel nahe.

Mit der Entdeckung von Ad-36 besteht die Möglichkeit, daß ein infektiöses Agens zu der Epidemie beitragen könnte. Bei Tieren wurden bisher sechs Erreger gefunden, die Übergewicht begünstigen. Zwei sind Humane Adenoviren, und zwar Ad-5 und Ad-36, die übrigen - Staupe-, Rous-7- und Bornavirus sowie Scrapie-Agens (Prionen) - verursachen offenbar Übergewicht durch eine Schädigung im ZNS. Beim Menschen wurden bisher zwei Viren entdeckt, die mit Übergewicht verknüpft sind: SMAM-1, ein Affen-Adenovirus, und eben das Humane Adenovirus 36. (ars)

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