Ärzte Zeitung, 30.04.2007

HINTERGRUND

Ein dicker Bauch - das ist nicht nur schlecht fürs Herz, sondern treibt auch das Krebsrisiko hoch

Von Philipp Grätzel von Grätz

Die International Association for the Study of Obesity (IASO) hat den Deutschen gerade ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: Etwa 75 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen seien übergewichtig oder fettleibig, so die aktuellen Daten der IASO. Der Anteil Übergewichtiger ist damit höher als in den 24 anderen EU-Ländern. Welche Folgen Übergewicht für die Gesundheit hat, hängt aber von der Verteilung der überschüssigen Fettpolster ab: Für das kardiovaskuläre Risiko gilt zu viel Bauchfett als besonders kritisch. Offenbar trifft das auch für das Krebsrisiko zu.

So misst man richtig: Das Maßband wird am stehenden Patienten mit freiem Bauch zwischen dem unteren Rippenbogen und dem Beckenkamm herumgeführt. Foto: do

Viele Experten halten den BMI für wenig aussagekräftig

Übergewicht wird, wie auch in der IASO-Studie, als Body-Mass-Index (BMI) ab 25 definiert. Viele Experten halten den BMI mit Blick auf die Entstehung von Erkrankungen aber für wenig aussagekräftig. Zur Beurteilung des kardiovaskulären Risikos durch Übergewicht wird zunehmend der Bauchumfang oder das Verhältnis von Taillen- und Hüftumfang herangezogen. Beides sind Parameter, die Infos über die Bauchfett-Menge liefern. Sie korrelieren sehr viel stärker mit dem kardiovaskulären Risiko als der BMI. Viele Daten aus der internationalen EPIC-Studie haben mittlerweile Hinweise darauf erbracht, dass es bei Krebs ähnlich ist.

Die in vielen Lehrbüchern zu findende Aussage, wonach adipöse Menschen im Vergleich zu normalgewichtigen Menschen ein 1,5- bis 3,5-fach erhöhtes Risiko haben, an Dickdarm-, Brust-, Gebärmutter- oder Nieren-Karzinomen zu erkranken, ist wahrscheinlich viel zu pauschal: Nach Angaben von Professor Heiner Boeing vom Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam ist der Bauchumfang auch hier der relevantere Prognoseparameter. Die seit mittlerweile 15 Jahren laufende EPIC-Studie hat dies in einer ganzen Reihe von Einzelpublikationen für diverse Tumorarten gezeigt.

So wurde bei über 360 000 Studienteilnehmern das Taillen-zu-Hüft-Verhältnis mit der Inzidenz kolorektaler Karzinome verglichen. Die Ergebnisse waren deutlich: Bei Frauen mit einem Verhältnis von über 0,85 traten im Vergleich zu Frauen mit einem Wert von unter 0,7 (Normalwert) deutlich mehr kolorektale Karzinome auf, und zwar 52 Prozent mehr innerhalb von sechs Jahren. Anders beim BMI: Hier war die Rate für kolorektale Karzinome bei Frauen mit einem BMI von über 24 nur etwa sechs Prozent höher als bei Frauen, deren BMI unter diesem Wert lag.

Gibt es beim kolorektalen Karzinom der Frau immerhin noch einen geringen Zusammenhang zwischen dem Krebsrisiko und dem BMI, so ist dieser beim Pankreas-Karzinom den EPIC-Daten zufolge gar nicht mehr vorhanden. "Dafür steigt die Inzidenz des Pankreas-Karzinoms bei beiden Geschlechtern deutlich mit dem Bauchumfang", so Professor Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Direktor des DIfE. Er betonte allerdings, dass die Daten in der EPIC-Studie bisher nicht ausreichen, um hier einen Grenzwert für den Bauchumfang zu definieren. Als Faustregel könne man jedoch die Grenzwerte für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko nehmen, also einen Bauchumfang von über 88 Zentimeter für Frauen und 102 Zentimeter für Männer. Bei diesen Werten sei das Risiko für ein Pankreas-Karzinom zwei- bis dreifach erhöht.

Welchen Anteil hat Alkohol an der Entstehung von Bauchfett?

Bei Frauen sagt der Bauchumfang besonders viel über das Krebsrisiko aus. Steigt bei übergewichtigen Männern das Krebsrisiko sowohl mit dem BMI als auch mit dem Bauchumfang, so steigt es bei Frauen vor allem mit dem Bauchumfang, und das nicht nur bei Darm- und Pankreas-Ca, sondern auch bei Gebärmutter-, Nieren- oder Brustkrebs. "Wenn es um Adipositas geht, sind wir mittlerweile absolut davon überzeugt, dass der Bauchumfang der entscheidende Parameter für die Beurteilung des Krebsrisikos bei Frauen ist", so Joost.

Auf die Frage, warum das so ist, kann die EPIC-Studie bisher keine Antworten geben. Erklärungsansätze wollen die Epidemiologen in den nächsten Jahren liefern, indem sie den Gehalt mehrerer Biomarker im Blut messen. Dass das Bauchfett metabolisch besonders aktiv ist, ist bekannt. Wenn sich bestimmte Hormone fänden, die sowohl mit einem erhöhten Bauchumfang als auch mit einem erhöhten Krebsrisiko korrelierten, dann gäbe es eine Kausalkette, die sich zu erforschen lohnt.

In einer "Diogenes-Projekt" genannten Teilstudie von EPIC soll außerdem die Bedeutung des Alkohols bei über 100 000 Teilnehmern intensiver beleuchtet werden. "Welchen Anteil am Bauchumfang der Alkoholkonsum hat, ist bisher noch nicht so richtig klar", betonte Joost. Eine plausible Kausalkette: Alkohol erhöht den Bauchumfang und führt auf dem Umweg über eine dadurch veränderte hormonelle Situation zu einer höheren Krebsinzidenz. Eine der bisherigen Lehren aus EPIC ist aber, dass die Wirklichkeit oft nicht ganz so einfach ist wie die Theorie.

STICHWORT

EPIC-Studie

Die EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) ist eine prospektive epidemiologische Langzeitstudie mit 519 000 anfangs gesunden Studienteilnehmern. Die Studie beleuchtet den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs. Erhoben werden aber auch Körpermaße und Daten zur körperlichen Aktivität. Außer mit Krebs beschäftigt sich die Studie intensiv mit Diabetes mellitus. Hier wurde kürzlich, wie berichtet, ein auf EPIC-Daten basierender Risikoscore vorgestellt. Ein ähnliches Instrument soll auch für einige Tumorerkrankungen entwickelt werden. (gvg)

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