Ärzte Zeitung, 10.05.2007

HINTERGRUND

Auch die Menschen in Deutschland werden immer dicker - doch das ist wirklich kein neues Problem

Von Gabriele Wagner

Die meisten Deutschen wiegen zu viel
Anteil der übergewichtigen und adipösen Männer und Frauen
Insgesamt sind in Deutschland 67 Prozent der Männer ab 18 Jahren und 54 Prozent der Frauen ab 18 Jahren übergewichtig oder sogar adipös.

Deutschland hat die meisten dicken Männer und Frauen im Vergleich aller 25 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union: Bei uns sind 75 Prozent der Männer und 59 Prozent der Frauen übergewichtig oder adipös. Das jedenfalls hat eine Studie der international Association for the Study of Obesity (IASO) ergeben.

Diese Studie, die Deutschland in Sachen Dicksein Platz 1 zuweist, hat bekanntlich ein großes Medienecho ausgelöst. Da tröstet es wenig, dass Tschechien und Zypern mit jeweils etwa 73 Prozent dicker Männer und 58 Prozent dicker Frauen nur knapp hinter Deutschland liegen.

Andere EU-Länder haben weniger beleibte Menschen, etwa Nachbar Niederlande. Dort sind 54 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen dick oder adipös; in Italien sind es 51 und 35 Prozent. Recht schlank lebt es sich offenbar in Frankreich: Nur 47 Prozent der Männer und 36 der Frauen sind übergewichtig.

Stimmen die Daten der IASO-Studie für Deutschland?

Allerdings: Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin findet es fraglich, ob die Zahlen für Deutschland mit denen der anderen EU-Länder verglichen werden können. Und ob daraus eine Rangliste abgeleitet werden kann (Epi Bull 18, 2007, 1). Denn die Daten wurden in den verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Methoden erhoben.

Die Daten aus Deutschland, die in der IASO-Studie herangezogen worden sind, stammen aus dem Gesundheitsmonitor der Bertelsmannstiftung des Jahres 2003. In diesem Gesundheitsmonitor wurden aber nur Daten der 25- bis 69-Jährigen berücksichtigt - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, die auch Daten bei den 18- bis 24-Jährigen geliefert haben. Und das ist ein wichtiger Unterschied.

Das RKI weist nämlich darauf hin, dass sich andere Zahlen ergeben, wenn man Daten von Menschen ab 18 Jahre berücksichtigt. So geschehen im telefonischen Gesundheitssurvey 2003 des RKI. Danach sind 67 Prozent der Männer in Deutschland und 54 Prozent der Frauen übergewichtig oder adipös. Vergleicht man diese Zahlen mit denen der EU-Länder, dann liegt Deutschland im oberen Mittelfeld etwa zusammen mit Finnland, England oder Österreich.

Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Zahlen? Nach den Daten des RKI-Surveys gibt es einen starken Anstieg der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas beim Übergang vom jungen zum mittleren Erwachsenenalter: Bei den 18- bis 29-Jährigen sind etwa 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen zu dick.

Bei den 30- bis 39-Jährigen haben sich diese Zahlen verdoppelt: auf 60 und 40 Prozent. Bezieht man also in die Berechnungen zum Anteil der Übergewichtigen die 18- bis 24-Jährigen nicht ein - wie in der IASO-Studie geschehen, ergibt sich ein falsch hoher Wert. Dennoch kann es eigentlich kein Trost sein, dass Deutschland bei dieser Art der Analyse nun doch nicht Platz 1 Europa beim Übergewicht belegt, sondern nur oberes Drittel ist.

Wie sieht es eigentlich mit der zeitlichen Entwicklung der Prävalenz von Übergewicht aus? Werden die Deutschen wirklich immer dicker, wie oft behauptet wird? Nach weiteren Zahlen des RKI ist die Antwort ein klares Ja. Es gibt immer mehr Dicke in Deutschland, auch wenn Zahlen zur Prävalenz derzeit nur bis zum Jahr 1998 herangezogen werden können. Zwischen 1984 bis 1998 hat die Prävalenz von Übergewicht von 66 auf 70 Prozent zugenommen; bei den Frauen von 50 auf 52 Prozent. Den stärksten Anstieg gab es bei den 25- bis 34-Jährigen: In den 90er Jahren hat die Prävalenz um etwa zehn Prozentpunkte zugenommen.

Diese Zahlen, die in den alten Bundesländern erhoben wurden, stammen aus dem Bundes-Gesundheitssurvey 1998 und der Deutschen Herzkreislaufstudie. Erhoben wurden die Daten bei körperlichen Untersuchungen. Sie sind deshalb verlässlicher und sollten nicht mit Daten des telefonischen Gesundheitssurveys zusammengetan werden, wie das RKI betont.

Kinder und Jugendliche werden offenbar immer dicker

Immer wieder heißt es auch, die Kinder und Jugendlichen in Deutschland würden immer dicker werden. Tatsächlich liefert das RKI mit seinem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) Daten, die solche Behauptungen stützen. Daten im KiGGS zum Body Mass Index (BMI) wurden zwischen 2003 und 2006 erhoben. Nach der Untersuchung, die in Kürze veröffentlicht wird, haben in Deutschland insgesamt 15 Prozent der Jungen und Mädchen im Alter bis 17 Jahre Übergewicht, darunter sind sechs Prozent mit Adipositas. Jugendliche seien stärker betroffen als Kinder, so das RKI.

Übergewicht und Adipositas sind kein neues Problem

Insgesamt machen die Zahlen der RKI-Studien zwar deutlich, dass Übergewicht und Adipositas zunehmen. Und dass von dieser Zunahme vor allem junge Menschen betroffen sind. Allerdings: Schon in 80er Jahren waren viele Menschen zu dick.

Fazit des RKI: Die durch die IASO-Studie angestoßene aktuelle Diskussion sollte genutzt werden, Prävention und Gesundheitsförderung zu stärken.

STICHWORT

Prävalenz von Übergewicht

Im telefonischen Gesundheitssurvey des RKI wie auch im Bertelsmann Gesundheitsmonitor werden Körpergröße und Gewicht erfragt und daraus der Body Mass Index (BMI) ermittelt (Gewicht in kg / Größe in m2). Als übergewichtig gelten gemäß der international gebräuchlichen Einteilung der WHO Menschen mit einem BMI ab 25; ab einem BMI von 30 ist ein Mensch adipös.

Bei Kindern und Jugendlichen werden wegen alters- und geschlechtsspezfischer Unterschiede Gewichts-Perzentilen herangezogen: Bei einem Gewicht ab der 90. Perzentile handelt es sich um Übergewicht, ab 97. Perzentile um Adipositas. (gwa)

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