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Ärzte Zeitung, 11.04.2010

Das Handy hilft dicken Kindern und Jugendlichen beim Abspecken

Adipöse Kinder und Jugendliche überschätzen ihr Bewegungspensum enorm. Ein Handy misst Laufen, Gehen, und Springen objektiv, berechnet den Energieverbrauch und gratuliert, wenn die Vorgaben erreicht sind. In einem Therapieprogramm hat es sich bereits bewährt.

Von Kerstin Nees

Abspecken mit High Tech - das Handy in der Tasche hilft dicken Kindern und Jugendlichen

Dicke Jugendliche überschätzen ihr Bewegungspensum oft enorm. © Stuart Monk / fotolia.com

Ein wichtiger Aspekt in der Adipositastherapie ist, die Kinder und Jugendlichen zu einer realistischeren Selbstwahrnehmung zu führen. Dabei kann ein Handy helfen, das die Bewegungsintensität quantifiziert. "Viele Patienten überschätzen ihre körperliche Aktivität", sagte Dr. Ralf Schiel, Chefarzt der Inselklinik Haus Gothensee auf Usedom, zur "Ärzte Zeitung".

In einer Studie mit Kindern und Jugendlichen, die zur Adipositastherapie in die Rehaklinik kamen, hat er die Unterschiede zwischen objektiver körperlicher Aktivität und subjektiver Wahrnehmung des Bewegungspensums erfasst. 117 Patienten im Alter von 10 bis 18 Jahren nahmen an der Untersuchung teil. Sie schätzten ihr tägliches Laufpensum im Durchschnitt auf etwa 85 Minuten. Tatsächlich joggten sie nur 8 Minuten. Auch bei der Geh-Zeit verschätzten sich die Studienteilnehmer enorm: Statt der angenommenen 293 Minuten pro Tag waren sie im Durchschnitt nur rund 46 Minuten gehend unterwegs. Mit den Handys können die Kinder lernen, sich besser einzuschätzen. Schiel: "Das haben wir in der Schulung umgesetzt." Außerdem könne man mit dem Handy auch die Motivation steigern, sich mehr zu bewegen. Diese beiden Dinge zusammen hätten zur Folge, dass der Erfolg besser sei als vorher.

Die intelligente Technik hierfür kommt vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD Rostock. Jedes moderne Standardhandy kann mit der Software zur Bewegungsanalyse aufgerüstet werden - vorausgesetzt, es enthält einen Beschleunigungssensor (motion sensor), wie es heute bei Fotohandys üblich ist.

Eigentlich erkenne das Handy mit diesem Sensor automatisch, ob man Fotos im Hoch- oder Querformat aufnimmt, erklärt IGD-Forscher Gerald Bieber, der den mobilen Gesundheitsassistenten namens "DiaTrace" entwickelt hat. Nun macht man sich diese Technik zunutze, um einzelne Bewegungsformen zu messen und die erzeugten Bewegungsmuster zu unterscheiden: ob der Handyträger geht, läuft, hüpft, Fahrrad fährt oder im Auto sitzt. Schummeln funktioniert übrigens nicht, zumindest nicht durch Schütteln des Handys. Bieber: "Das Schütteln ist eine ganz charakteristische Bewegung, die das Gerät erkennt, so dass es weder weiter zählt noch den Energieverbrauch berechnet."

Das Gerät ermittelt aber nicht nur körperliche Aktivität und Energieverbrauch, es treibt auch an oder belohnt, je nachdem ob das vom Therapeuten eingegebene Ziel erreicht wurde oder nicht. "Wenn die Person einen Tag zu inaktiv war, meldet sich das Gerät und signalisiert: Jetzt musst du langsam mal etwas tun. Wenn das Tagesziel erreicht ist, gibt es eine elektronische Gratulation", so Bieber. Das funktioniert vor allem in der Gruppentherapie gut. "Die Kinder können untereinander in Wettbewerb treten, und das motiviert sie zu mehr Bewegung", berichtet Schiel.

Auch wenn die Belohnung nur virtuell ist - eine Medaille auf dem Display - treibt sie die Kinder doch an, die Vorgaben zu erreichen. "Darüber hinaus haben wir auch intern ein Belohnungssystem entwickelt. Wenn die Kinder an bestimmten Tagen ihr Ziel erreicht haben, wird mit der Gruppe etwas gemacht, was ihnen Spaß macht, ein gemeinsamer Kinobesuch oder im Sommer ein Strandabend."

Das Handy allein reicht jedoch nicht aus, damit jemand erfolgreich abnimmt. Deshalb ist die Software auch nicht frei verfügbar, sondern wird bisher nur zu Forschungszwecken oder in Therapieprogrammen eingesetzt. In der Inselklinik Haus Gothensee ist das DiaTrace-Handy mittlerweile fester Bestandteil des sechswöchigen Therapieprogramms, das sich an den Vorgaben der Fachgesellschaften orientiert.

Der innovative Ansatz wurde auch beim Gesundheitswettbewerb 2009 der CITY BKK ausgezeichnet (wir berichteten). Allerdings nutzten bei der prämierten Untersuchung die Kinder das Handy nur in der Diagnosephase für drei, vier Tage.

Es ist aber bereits eine neue Studie in Planung, bei der die Kinder das Gerät länger tragen. "Ich denke, dann sind die Erfolge noch größer", prognostiziert Schiel. Außerdem sollen sie die Software mit nach Hause nehmen können, damit so ein telemedizinisches Langzeitmonitoring möglich wird.

Unterdessen verfeinern die Rostocker Forscher vom Fraunhofer Institut die Technik für eine weitere Anwendung. Ziel ist, den individuellen Insulinbedarf von Diabetespatienten genauer zu bestimmen, da dieser auch von der körperlichen Aktivität abhängt. Bieber: "Wir haben in einer Vorstudie an der Inselklinik bestätigt, dass es eine Korrelation zwischen dem Blutzucker und der per Handy erfassten körperlichen Aktivität gibt." Das Handy soll nun dazu beitragen, dies bei der Berechnung des Insulinbedarfs zu berücksichtigen.

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