Kongress, 14.04.2012

Adipositas: Parallelen zu Suchtkrankheiten

Adipositas ist eine Krankheit! Noch immer müsse man das betonen, sagt Professor Michael Stumvoll vom Integrierten Forschungszentrum AdipositasErkrankungen. Die pathophysiologischen Hintergründe der Krankheit sind sehr verschieden. Daher werden künftige Therapien differenziert aussehen müssen.

Adipositas: Parallelen zu Suchtkrankheiten

Übergewicht und Adipositas können sehr unterschiedliche Ursachen haben.

© Sheila Eames / fotolia.de

Ärzte Zeitung: Herr Professor Stumvoll, wenn Sie unser derzeitiges Wissen zur Adipositas auf einer Skala zwischen null und zehn einordnen müssten, wo stünden wir im Moment?

Stumvoll: Bei drei. Biologisch wissen wir zwar über das Modell Adipositas bereits recht viel.

Übertragen auf die individuelle Situation bei einem Menschen sieht es dagegen sehr dünn aus, abgesehen vielleicht von einzelnen Gendefekten. Ihre Frage hat allerdings auch eine gesellschaftspolitische Dimension...

Ärzte Zeitung: Welche neuen Erkenntnisse zur Adipositas prägen denn die heutigen Behandlungsansätze?

Stumvoll: Wir haben nach wie vor nichts anderes als den guten Ratschlag, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Zwar trifft dies das Problem im Kern: Es werden mehr Kalorien aufgenommen als verbrannt.

Warum das aber so ist, warum ein adipöser Mensch dies nicht bemerkt, warum er weniger verbrennt und warum er mehr Freude am Essen empfindet als ein anderer, das ist ziemlich geheimnisvoll.

Würden wir das durchdringen, könnten wir gezielter behandeln. Übergewicht und Adipositas können sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Adipositas: Parallelen zu Suchtkrankheiten

"Es wird nie ein Mittel geben, dass für alle Adipositas-Patienten geeignet wäre": Professor Michael Stumvoll.

© DGIM

Daher wird es auch nie ein Mittel geben, das für alle Adipositas-Patienten geeignet wäre. Um diese vielen unterschiedlichen Krankheiten zu charakterisieren, benötigen wir noch viel Geduld, Geld und Engagement.

Ärzte Zeitung: Muss Adipositas also als chronische Krankheit verstanden werden, etwa vergleichbar mit der Nikotin-Sucht und mit permanenter Gefahr des Rückfalls?

Stumvoll: Ja, Adipositas ist eine chronische Krankheit und sie verschwindet auch nicht einfach. Adipöse Menschen kann man daher nur chronisch behandeln.

Ich sehe durchaus Parallelen zu Suchtkrankheiten, etwa wenn es um Belohnungsmechanismen im Gehirn geht. Unser Essverhalten wird durch weit mehr gesteuert, als vom Streben nach einer ausgeglichenen Kalorienbilanz.

Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied zwischen konsumierter Zigarette und konsumierter Kalorie: Die Zigarette ist grundsätzlich ungesund, die zugeführte Kalorie nicht unbedingt - das eine kann man einfach wegnehmen, das andere nicht.

Ärzte Zeitung: In Leipzig ist ein Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas Erkrankungen unter Ihrer wissenschaftlichen Leitung als eines von derzeit acht IFB in Deutschland eingerichtet worden. Warum brauchen wir solche Zentren?

Stumvoll: Der Charme dieser Förderform des Bundesforschungsministeriums ist, dass man ein biomedizinisches Forschungsgebiet mit Behandlungsrelevanz verheiratet hat.

Die Übertragung von Erkenntnissen aus der Grundlagen- und klinischen Forschung in die praktische Medizin soll so besser als bislang gelingen. Wir versuchen vor Ort zusammen mit vielen Vertretern anderer Disziplinen Licht in diese Black Box Adipositas zu bringen und aus den Erkenntnissen individuell zugeschnittene Therapiekonzepte zu entwickeln.

Manche Patienten profitieren vielleicht von einem Biofeedback-Verfahren, bei anderen müsste die ganze Familie psychologisch betreut werden, wieder andere verarbeiten mit ihren Fressattacken frühkindliche Gewalterfahrungen und mancher hat einfach einen genetischen Defekt.

Ärzte Zeitung: Damit sind wir schon bei einzelnen Projekten, die Sie in Leipzig verfolgen...

Stumvoll: Wir haben zum Beispiel in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig ein Programm aufgelegt, um Hirnfunktions- und Strukturbesonderheiten zu ermitteln, gekoppelt an psychologische Tests bei Menschen mit und ohne Adipositas.

Zur Person: Prof. Michael Stumvoll

Aktuelle Position: Professor Michael Stumvoll ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie an der Universität Leipzig. Seit Mai 2010 ist er zudem wissenschaftlicher Leiter des vom Bundesforschungsministerium geförderten Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums AdipositasErkrankungen.

Forschungsschwerpunkt: Stumvoll befasst mit der Pathogenese der Adipositas, der Insulinresistenz und des Typ-2-Diabetes und ist dafür bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Sein spezielles Interesse gilt den genetischen Hintergründen Adipositas-assoziierter Erkrankungen.

Es gibt Geschlechtsunterschiede bei der Entstehung von Adipositas. Bei Frauen scheinen Bereiche des Gehirns verändert zu sein, die mit erlerntem Verhalten zu tun haben, was bei Männern nicht der Fall ist. Man könnte also spekulieren, dass dieses Verhalten wieder verlernt werden könnte.

Andere Projekte beschäftigen sich mit der bariatrischen Chirurgie. So wollen wir herausbekommen, wie sich manche Effekte der bariatrischen Chirurgie erklären lassen. Oft verschwindet nach der Operation ein vorhandener Diabetes und wir wissen nicht wirklich, warum.

Ärzte Zeitung: Bei der Diskussion um die bariatrische Chirurgie könnte man den Eindruck gewinnen, dass man konservative Therapieoptionen ein Stück weit aufgegeben habe ...

Stumvoll: Auf keinen Fall, das wäre fatal! Eine bizarre Vorstellung: Wir leben in einem hyperkalorischen Schlaraffenland und lassen uns dann gelegentlich umoperieren.

Nein, bariatrische Chirurgie ist eine ultima ratio für Menschen, bei denen alles versucht wurde und die an ihrer Adipositas zugrunde gehen würden, wenn es diese chirurgischen Verfahren nicht gäbe.

Ärzte Zeitung: Wie attraktiv ist Adipositas-Forschung für den ärztlichen Nachwuchs?

Stumvoll: Ich kann nicht klagen. Wissenschaftlich ist Adipositas sehr spannend:

Man kann sich histologisch damit auseinandersetzen und die unterschiedlichen Zelltypen beschreiben, das Gebiet zieht Molekularbiologen an, in transgenen Tiermodellen wird das Ernährungsverhalten zentralnervös modifiziert, wir kümmern uns um genetisch bedingte Störungen oder Neuroimaging. Adipositas ist inzwischen viel mehr als "weniger essen, mehr bewegen".

Wer das Thema akademisch aufbohrt, merkt, wie faszinierend es ist.

Ärzte Zeitung: Gibt es einen Teilaspekt in der öffentlichen Diskussion um die Adipositas, der Ihnen zu kurz kommt?

Stumvoll: Adipositas befindet sich immer noch in der Ecke "Lebensstil/Fehlverhalten". Dabei ist Adipositas eine Krankheit wie andere auch. Ein kurzsichtiger Mensch muss lebenslang eine Brille tragen, nimmt man sie ihm weg, kommt das Handicap wieder zum Vorschein.

Adipositas ist eine chronische Krankheit mit verschiedenen Erkrankungsmechanismen, für die der Einzelne nichts kann. Und diese einzelnen Ätiologien müssen künftig therapeutisch angegangen werden.

Das Interview führte: Dr. Thomas Meißner, Erfurt

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