Ärzte Zeitung, 12.10.2012

Das geht

Schlank trotz Jo-Jo-Effekt

Man nimmt erst ab, doch dann wieder zu - das frustriert viele Menschen. Jetzt zeigt eine Studie: Übergewichtige müssen den Jo-Jo-Effekt nicht fürchten. Ihre Chancen, beim nächsten Mal dauerhaft abzunehmen sind nicht schlechter als bei Personen ohne Jo-Jo-Effekt.

Von Beate Schumacher

Schlank trotz Jo-Jo-Effekt

Jo-Jo-Effekt hat keinen Einfluss auf Abspeckerfolg.

© Anja Roesnick / panthermedia.net

SEATTLE. In einer Studie des Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle wurden die Erfolge verschiedener Abnehmstrategien bei Frauen mit und ohne Gewichtsschwankungen verglichen (Metabolism 2012, online 14. August).

Die Studie widerlegt Vermutungen, der Jo-Jo-Effekt könnte Stoffwechsel, Körperfettanteil und Erfolgsaussichten einer Diät dauerhaft negativ beeinflussen.

439 übergewichtige oder adipöse Frauen im Alter zwischen 50 und 75 Jahren waren nach dem Zufallsprinzip einer von vier Gruppen zugeteilt worden: einer kalorienreduzierten Diät mit dem Ziel einer 10%igen Gewichtsreduktion (n=118), einem 45-minütigen Ausdauertraining an fünf Tagen der Woche (n=117), einer Kombination aus Diät und Sport (n = 103) oder einer Kontrollgruppe (n = 87).

Von den Studienteilnehmerinnen hatten 77 (18 Prozent) in der Vergangenheit einen starken und 103 (24 Prozent) einen mäßigen Jo-Jo-Effekt erlebt, das heißt, sie hatten mindestens dreimal mindestens 4,5 kg beziehungsweise 9,1 kg Gewicht verloren und wieder zugelegt.

Diese Frauen hatten anfangs auch einen etwas höheren BMI und ein etwas ungünstigeres metabolisches Profil als Frauen ohne Gewichtsschwankungen in der Anamnese.

Sie hielten sich jedoch genauso an die vorgegebenen Lebensstiländerungen und erzielten damit auch die gleichen Erfolge.

Mit Sport Körperfettanteil reduzieren

Nach zwölf Monaten Diät hatten sie 8,4 Prozent abgenommen (versus 9,1 Prozent bei Frauen ohne Jo-Jo-Effekt), mit Diät und Sport waren es sogar 9,9 Prozent (versus 12,1 Prozent).

Sport allein reduzierte das Gewicht lediglich um 2,4 Prozent (versus 2,4 Prozent). In der Kontrollgruppe blieb das Gewicht annähernd konstant (-0,8 Prozent versus -0,4 Prozent ohne Jo-Jo-Effekt).

Auch in Bezug auf die Veränderungen von Körperfett, Muskelmasse, Blutdruck, Insulinsensitivität und Hormone wie Leptin und Adiponectin machte es keinen Unterschied, ob früher Gewichtsschwankungen aufgetreten waren oder nicht.

Einzig in der Sportgruppe hatten die Frauen mit Jo-Jo-Effekt ihren Körperfettanteil weniger reduziert als die anderen.

Das Fazit der Studienautoren um Dr. Caitlin Mason: "Ein Jo-Jo-Effekt in der Anamnese ändert nichts an den positiven Auswirkungen von Diät und Sport auf Gewicht und Stoffwechsel."

Eine entsprechende Vorgeschichte sollte also übergewichtige Personen nicht von weiteren Abnehmversuchen abhalten. Wichtig ist jedoch, dass sie auf gesunde und langfristig erfolgversprechende Strategien zur Gewichtsreduktion setzen.

Dazu gehört laut Mason und Kollegen auch Sport, damit die Kalorienreduktion die Muskelmasse nicht weiter schrumpfen lässt.

Quelle: www.springermedizin.de

[23.10.2012, 11:56:35]
Iris Flöhrmann 
1h aerobe Bewegung täglich-
wie sieht das denn bitte praktisch aus? Das heißt was muss ich täglich genau machen, um das zu erreichen? Ist das realistisch? Sind alle schlanken Menschen so aktiv?
Auch frage ich mich etwas genervt, ob es sinnvoll ist immer wieder zu den gleichen Schwarz-Weiß-Bildern zu greifen, wie Überernährung= fettreiche Snacks? Andere Kollegen führen die Torte an... Wäre es doch so einfach!
Ich möchte die Ausführungen von Herrn Odinius bestätigen. Sorry, aber wenn ich mir die Zahlen anschaue , kann ich auch nur sehen, daß der Sport unterstützt und entscheidend die Ernährungsumstellung ist.Dies bestätigt meine Beobachtungen mit den Patienten. Diejenigen, die diesem platten "Mehr bewegen, weniger essen" nacheifern und dann zunächst 3-4 pro Woche zum Sport gehen und möglichst aufs essen verichten, weil ja jede Kalorie zählt sind die, bei denen irgendwie gar nichts klappt.Weil man das im realen Leben leider nicht durchhalten kann, die Ergebnisse frustan sind und man dann einfach keine Lust mehr hat. "Hat doch eh keinen Sinn", besonders wenn man dann noch zu hören bekommt, man soll weniger essen!
Wie Herr Odinius schreibt, es gibt in den Leitlinien geeignete Strategien, diese sind i.d.R immer interdisziplnär in dem Sinne, daß verschiedene Fachleute (Ärzte, Diätassistenten, Psychologen) die Gewichtsreduktion gemeinsam so gestalten, daß der Patient dies in seinem Alltag auch umsetzen kann und vorallem beibehält. Leider wird meiner Meinung dabei aber der Fokus noch zu sehr auf die Reduzierung, als auf die Stabilisierung gelegt.
Das Maßband ist abei auch bei meinen Patienten eine große Motivationshilfe, besonders wenn ich Ihnen die Reduzierung in cm "weggeschmolzenen Bauchspeckes" zeige.
Und ich fühle mich in meinem Beratungsalltag mit der Studie darin bestärkt, dass ich dem Übergewichtigen zwar den Zahn mit der letzten Rettung ziehe, aber ihn bestärke doch weiter zumachen, um seinen erfolgreichen Weg zu finden, den er dann auch gerne die nächsten 20 Jahre beibehält. zum Beitrag »
[14.10.2012, 14:48:05]
Dr. Ivar Leben 
Adipositas
Sehr geehrter Herr Odinius,
jeden Tag 1h aerobe Bewegung und Überernährung (fettreiche Schnagereien) meiden.
Einverstanden ?
Dr. Leben
 zum Beitrag »
[13.10.2012, 15:23:02]
Michael Odinius 
Simpel und doch immer wieder missverstanden: ... die Sache mit dem Sport
Eine praxisorientierte Studie und hilfreiche Ergebnisse.
Ein toller Artikel, schade, dass er mit einer missverständlichen Begründung seines Fazits endet.

Dazu gehört laut Mason und Kollegen auch Sport, "...damit die Kalorienreduktion die Muskelmasse nicht weiter schrumpfen lässt".

Eine Kalorienreduktion, wie gemeinhin verstanden (FdH), erhält auch mit Sport keine Muskelmasse, wenn sie mit einer Gewichtsreduktion einhergehen soll, es sei denn, ein ausgeglichener Proteinstoffwechsel ist gewährleistet.

Kein Sportler käme auf den Gedanken weniger zu essen, um die Muskulatur zu erhalten oder gar aufzubauen.

Eine Gewichtsreduktion per se ist immer eine Sache der individuellen Energiebilanz. Wird Sie über FDH erzielt, resultiert ein Abbau körpereigener Energiereserven, wobei die Fettreserven und Proteinreserven in diesem Fall fast 1:1 abgebaut werden.
Im Hungerstoffwechsel werden zur Energiebereitstellung und Aufrechterhaltung der Glucosehomöostase glukoplastische Aminosäuren benötigt, die der Körper aus dem Abbau der Muskulatur gewinnt. Erhöht der Sport den Energiebedarf, resultiert ein Abbau! der Muskulatur.
Dies macht aus Evolutionssicht auch einen Sinn. Denn die Muskulatur verbraucht durch die Teilnahme am Stoffwechsel mehr Energie und ist in Hungerzeiten eher verzichtbar als der Energiespeicher Fett, der das Überleben in Hungerzeiten erlaubt.

Genau das passiert leider vielen motivierten aber hungernden sich plagenden Abnehmwilligen.

Der Erhalt der Muskulatur durch Sport ist nur insofern gegeben, dass durch die gesteigerte Durchblutung der beanspruchten Muskulatur eine Aminoazidämie, also eine bedarfsdeckende Konzentration an Proteinen Substrat für den Erhalt und Aufbau zu Verfügung stellt.
Durch geeignetes moderates und regelmäßiges Training im Sauerstoffüberschuss kann der Anteil der Energiegewinnung aus dem Energiespeicher Fett von 20 auf 80 Prozent erhöht werden, sofern die für die Fettverbrennung notwendige Nährstoffversorgung gewährleistet ist.
Diese Muskulatur ist dann ein effektiver Fettburner! sofern sie beansprucht wird. Die Energiereserve Fett wird weniger. Entscheidend ist der Abbau der visceralen und v.a. hepatischen Fettspeicher. Dies führt zur drastischen Besserung cardiometabolischer Parameter, selbst wenn damit noch kein wesentlicher Gewichtsverlust einhergeht.

Ein vereinfachtes Rechenbeispiel: Bei einem angenommenem Wasseranteil der Muskulatur von 75 Prozent und Proteingehalt von 25 Prozent, entspräche ein Verlust von 1 Kg Muskelprotein (4 x 250g) bei 4.5 kcal/g Eiweiß einem Energiedefizit von 4500 kcal( etwa 2 Tage Nulldiät) und auf der Waage einem Gewichtsverlust von 4 kg. Dies bedeutet aber auch Verlust der fettverbrennenden aktiven Zellmasse und Senkung der Grundumsatzes, was dann zum bekannten JoJo führt.
Dieser vermeintlicher Erfolg auf der Waage ermuntert leider viele, diese falsche Strategie fortzusetzen mit den uns bekannten Diätkarrieren und erklärt so auch die Beobachtung der Autoren: "Einzig in der Sportgruppe hatten die Frauen mit Jo-Jo-Effekt ihren Körperfettanteil weniger reduziert als die anderen."

Um übrigens 4 kg Fett abzunehmen hätte das Energiedefizit bei ca. 9 kcal/g Fett (4000 x 9) ca 36.000 kcal betragen müssen (etwa 16 Tage Nulldät).

Je größer also die Erfolge auf der Waage, desto skeptischer sollte das betrachtete werden.

Dies zeigt, dass relevante Gewichtsreduktion (BMI > 30) primär über ein Kaloriendefizit und zwar bei nur bei Gewährleistung ausreichender Nährstoffversorgung zur erzielen ist und begleitend geeignete Bewegung für den Langzeiterfolg und die Fettverbrennung unverzichtbar sind.

Die Autoren unterstreichen im Fazit richtiger Weise die "positiven Auswirkungen auf Gewicht und Stoffwechsel, und setzen auf eine gesunde und langfristig erfolgversprechende Strategien zur Gewichtsreduktion in Verbindung mit Sport.

Die Autoren begründen letztere Empfehlung wie oben geschildert aber - leider - mit einer missverständlichen Aussage, die bis heute in den meisten Köpfen unauslöschbar verankert scheint und maßgeblich mit der untauglichen Empfehlung: Mehr bewegen weniger Essen! nur zu frustranen Abnehmversuchen beiträgt und mit bloßem Blick auf die Waage in falscher Sicherheit wiegt. Ein Maßband für den Bauchumfang wäre besser.

Der Vorteil: 1 kg Fett hat ein größeres Volumen als 1 kg Muskulatur. Das hübsche Kleid, die Hose passen also eher wieder. Das motiviert mehr als die Waage mit unverändert dickem Bauch!

Geeignete Strategien für eine 10 prozentige Gewichtsreduktion wie hier angestrebt, etwa bei BMI > 30, finden sich in den Leitlinien der Fachgesellschaften. (DAG)

Michael Odinius
Ernährungsmediziner (DAG;BDEM;QUTHEB)
Allgemeinmedizin
Akupunktur, NHV, Chirotherapie
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