Ärzte Zeitung, 15.07.2013

Dicke Kinder

Abspecken klappt auch auf der Couch

Was ist die bessere Abnehm-Methode: Diät und Sport oder nur Diät? Eine Studie mit übergewichtigen Kindern hat dazu ein überraschendes Ergebnis geliefert.

Von Dagmar Kraus

Abspecken klappt auch auf der Couch

Diese beiden Kinder haben auf der Couch gut lachen.

© Getty Images / thinkstock

WESTMEAD. Außer der sozialen Ausgrenzung sind es gesundheitliche Probleme, die dicken Kindern besonders zu schaffen machen. Das Übergewicht belastet die Gelenke und verschlechtert das metabolische Profil.

Ob sich allein mit Diät alles wieder in den Normbereich bringen lässt oder besser auf Diät und Sport zu setzen ist, haben jetzt australische Forscher untersucht.

Ob Kinder nun nur ihre Ernährung umstellen oder zusätzlich auch mehr Sport treiben - so oder so verlieren sie Pfunde und verbessern ihre metabolischen Parameter, wie ein aktuelles australisches Review ergab (JAMA Pediatr. 2013; online 17. Juni).

Ein paar Vorteile bringt das Plus an Bewegung dann doch: und zwar in puncto HDL-Konzentration sowie Nüchternglukose und Nüchterninsulin.

15 Studienergebnisse verglichen

Um die Effektivität der verschiedenen Abnehm-Konzepte bei Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren zu beurteilen, haben Mandy Ho von der Kinderklinik in Westmead, Australien und ihre Kollegen die aktuelle Literatur gescreent.

Anhand der Ergebnisse von insgesamt 15 Studien verglichen sie den Erfolg, der mit einer alleinigen Diät in Bezug auf Gewichtsabnahme und metabolische Risikofaktoren zu erzielen ist, mit dem, der sich mit einer Kombination aus Diät und Bewegung einstellt.

Gemessen wurden in den Untersuchungen unter anderem der Body-Mass-Index, der Körperfettanteil, die Mager-Körpermasse, HDL, LDL, Triglyzeride sowie Nüchternglukose und Nüchterninsulin.

In 14 der 15 Studien führten die Interventionsprogramme nach sechs Monaten zur Reduktion des BMI oder des prozentualen Körperfettanteils.

Der BMI sank bei Kindern, die nur auf ihre Ernährung achteten, ebenso deutlich wie bei Kindern, die zusätzlich Ausdauersport (p = 0,21) oder Krafttraining (p = 0,59) machten.

Dies bestätigte sich auch in drei Studien, in denen der BMI der Kinder ein Jahr nach der Intervention nochmals gemessen worden war.

Der Körperfettanteil hingegen sank mit Sport weitaus deutlicher als mit einer alleinigen Ernährungsumstellung (gepoolte Differenz -2,73%; 95% CI -4,38 - -1,09), auch fiel der Muskelzuwachs stärker aus (gepoolte Differenz 0,44 kg; 95% CI 0,04 - 0,84).

Zuckerprofil mit Sport besser

Das Lipidprofil verbesserte sich ebenfalls bei beiden Abnehmprogrammen.

Während jedoch das Plus an Bewegung sich besonders günstig auf die HDL-Konzentration auswirkte (gepoolte Differenz 3,86 mg / dl), war die alleinige Diät in puncto LDL- und Triglyzerid-Spiegel im Vorteil (gepoolte Differenz 5,41 mg / ml bzw. 13,7 mg / dl).

Der Glukosestoffwechsel hingegen sprach besonders gut auf mehr Bewegung an: Sowohl die Nüchternglukose- als auch die Nüchterninsulinspiegel sanken bei den Aktiven stärker (gepoolte Differenz -2,16 mg / ml bzw. -2,75 μIU / ml).

Nach Ansicht der australischen Studienautoren ist die Ernährungsumstellung "eine essenzielle Komponente bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht".

Das Review zeige aber auch, wie die verschiedenen Sportprogramme auf die metabolischen Risikofaktoren wirken. Die Studienautoren möchten die Ergebnisse jedoch aufgrund der zahlreichen Schwächen des Reviews mit Vorsicht interpretiert wissen.

Keine Aussage darüber, ob Kinder das Gewicht halten können

Nicht nur die Heterogenität der Studien, die teils geringe Teilnehmerzahl sowie die fehlenden individuellen Patientendaten seien ein Manko.

Die durchweg zu kurzen Nachbeobachtungszeiten würden auch keine Aussagen darüber zulassen, ob die Kinder ihr Gewicht auch halten konnten.

Dieser Kritik schließen sich auch Tessa Crume und Curtis Harrod von der University of Colorado in Denver in den USA in ihrem Editorial an.

Gleichzeitig unterstreichen beide die Bedeutung der familienbasierten Intervention, die in dieser Analyse außen vor blieb.

Denn: Um auf lange Sicht die Gewichtsprobleme in den Griff zu bekommen, sei es wichtig, die Eltern der betroffenen Kinder einzubeziehen. Die dürften nicht nur auf die Umsetzung der Lebensstiländerung achten, sondern müssten mit gutem Beispiel vorangehen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Freibrief für Faulpelze?

[15.07.2013, 23:00:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Dicke Metaanalyse?
Abspeck-Analysen, als Review (Übersicht) und Metaanalyse zugleich, gelingen auch auf der Couch, haben sich die australischen Autorinnen gedacht. Englisch-sprachige Veröffentlichungen von 1975 bis 2010 wurden aus 7 Datenbanken extrahiert ["English-language articles from 1975 to 2010, available from 7 databases"]. Ganze 33 verwertbare Studien wurden gefunden ["33 had complete data for meta-analysis on weight change"]. Im Volltext ist allerdings von 38 Studien beim Review die Rede, aus 3.718 "Records screened". Laut einem abgebildeten 'flow-chart' flossen dann allerdings nur 32 Studien in die Meta-Analyse mit ein. Geradezu treuherzig wird festgestellt: "Lifestyle interventions produced significant weight loss compared with no-treatment control conditions". Keine Behandlung, keine Gewichtsabnahme wäre aber auch ein völlig überraschendes Ergebnis. Besonders, während sich Kinder und Jugendliche im Wachstumsalter befinden.

Als Volltext ist diese Metaanalyse zu lesen unter
http://neoreviews.aappublications.org/content/pediatrics/130/6/e1647.full#
Die Schlussfolgerungen ["Conclusions"] in der Originalarbeit bleiben ebenso behäbig wie unverbindlich: "The body of research reviewed suggests that lifestyle interventions incorporating a dietary component along with an exercise and/or behavioral therapy component are effective in treating childhood obesity and improving the cardio-metabolic outcomes under a wide range of conditions at least up to 1 year." Mindestens 1 Jahr lang sollen die Lebensstilinterventionen Diät-Komponenten, Trainings- u n d/o d e r verhaltenstherapeutische Elemente beinhalten... Neben den geforderten Kosten-Nutzen-Analysen wird weiterer Forschungsbedarf angemeldet ["Further work is required"], aber von den Autorinnen gar nicht eingelöst. Wie wenig zielführend und völlig heterogen ihre Publikation ist, belegt die Tatsache, dass fast 40 Prozent der analysierten Studien die Gewichtsergebnisse nur in a b s o l u t e n Zahlen ermittelten, also n i c h t im BMI ausgedrückt haben ["almost 40% of included studies (n = 19) reporting only absolute values of weight outcome"]. Was soll man dazu noch sagen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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